Andler, Charles: Brief an Unbekannt. Malesherbes, 23.5.1929
Auch darf der Text unseres Gutachtens nicht beibehalten
werden, da er wörtlich in einem Fackel-Heft erschienen
ist. Die Kommission des Nobel-preises müsste dies als einen
Druck empfinden, den wir, durch vorgehende Appella-
tion ans Publikum, auf sie auszuüben gesonnen sind. Wir
haben also hier diese Veröffentlichung als einen taktischen
Fehler bedauert; womit nicht gesagt sein soll, dass
wir an der Veröffentlichung selbst, wenn auch unsere Zustim-
mung nicht eingeholt wurde, etwa Anstoss nähmen.
Mein Ratschlag wäre, aus reinen Geschicklichkeits-
Gründen, von der Kandidatur Karl Krausens für den
literarischen Nobel-Preis momentan absehen zu wollen,
und ihre ganze propagandistische Anstrengung auf den
Friedens-Preis umzustellen. In pazifistischen Kreisen ist,
so wie so, Karl Krausens Name besser bekannt
und geachtet. In ein paar Jahren ist es immer
noch Zeit zum literarischen Nobel-Preis zurückzukehren.
Karl Kraus ist, denke ich, höchstens ein Fünfziger.
Gewiss hat er ein bedeutendes Lebenswerk hinter sich.
Auch ich möchte nicht, dass er erst als bejahrter
Mummelgreis gekrönt würde. Aber die Konkurrenz
ist ohnehin gross auf literarischem Feld, wenn Sie
bedenken, dass zunächst alle liebenswürdigen Skandina-