Bahr, Hermann: Brief an Johann Viktor Krämer. München, 1.2.1925
München Barerstraße 50
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Sehr verehrter lieber alter Freund!
Das war gestern eine unverhoffte, doch darum nur desto willkommenere Freude, als sich
aus der Hülle langsam vor meinen beglückt staunenden Augen die Brücke Toledos
erhob und mich mit einem Schlag um fünfunddreißig Jahre zurück entführte, zurück
ins unvergeßliche Spanien (ein merkwürdiger Zufall übrigens, daß ich, seit Jahren nicht
mehr viel von spanischen Dingen hörend, gerade jetzt, weil ich für die „Preußischen Jahrbü=
cher” einen längeren Aufsatz über neueste spanische Literatur schreiben soll, seit ein paar
Wochen viele spanische Bücher lesen muß und eben als der Postbote die Brücke Toledos
brachte, über einem spanischen Werk saß - ist das nicht stilgerecht?), zurück in das
doch eigentlich weitaus schönste Jahr meiner Jugend! Welche Freude macht mir dies
herrliche Zeichen der Erinnerung an entschwundene Seligkeiten! Dank, herzlichsten,
innigsten Dank sag ich dafür und dieser Dank wird bei jedem Blick darauf
immer in meinem Herzen wiederklingen! Mein Herz kann derlei Reizungen
sehr gut brauchen, es macht seit Jahren schon allerhand „Sponponaden”, es will
nicht mehr recht mit und hat sich gerade die letzte Zeit zuweilen grauslich be=
nommen. Ich hatte nemlich das Pech voriges Jahr zu Ostern eine jener berüchtig=