Berg, Alban: Briefe an Johannes Schüler. Wien ; Berghof, 23.2.1929
Berg an Johannes Schüler
1.) Brief aus Wien 23.Februar 1929
Sehr geehrter Herr Musikdirektor,
schönsten Dank für Ihren interessanten Brief vom 16.d.M.Ich bin auf
das Äußerste gespannt und,nach alldem,was Sie mir über die bisher geleistete
Arbeit berichten,in einer Weise gespannt,daß ich sagen kann:ich freue mich auf
das,was mich da in Oldenburg erwartet.Künstlerisch und menschlich erwartet.
Ich werde also am 28.d.M.vermutlich nachmittag (ich weiß die Züge
nicht) in Oldenburg eintreffen.Und da muß ich gleich mit einer Bitte kommen:
Mir sind die Hotels dort unbekannt.Bitte wollen Sie,sehr geehrter Herr Musik-
direktor veranlassen,daß mir in einem guten und schönen Hotel ab 28.nm.Fol-
gendes reserviert wird:Ein zweibettiges Zimmer (ich nehme meine Frau mit),un-
bedingt ruhig gelegen -- also event.Hofzimmer,nicht neben der Office oder dem
Klosett --,womöglich mit Bad und Telefon.
Und wollen Sie mir gütigst nach Berlin,wohin ich heute fahre,mitteilen
lassen,wie das Hotel heißt,wo ich also absteigen werde.In Berlin wohne ich:
(eben bis zum 28.Früh): Pension Stössinger,Berlin W 50,Augsburgerstrasse Nr.47
(Telegrammadresse:"Stössingheim.Berlin).--Ich werde die genaue Zeit meiner
Ankunft natürlich noch telegrafisch mitteilen.
Anbei eine Liste jener Teile aus dem "Wozzeck",die ich bei meinem Vor-
trag vom Orchester gespielt haben möchte.U.zw.in der Reihenfolge,in der ich es
gespielt haben möchte.Das Durcheinander der Reihenfolge wird Ihnen klar ver-
ständlich werden,wenn ich Ihnen das Konzept meines Vortrags,gleich nach meiner
Ankunft in Oldenburg,überreiche.Aber etwas sehr Wichtiges: ich brauche auch
ein Klavier bei dem Vortrag,um noch eine ganze Anzahl kleinerer Stellen,die
man nicht mit dem Orchester so schnell zitieren kann,anschlagen zu können.Bitte
veranlassen Sie auch,daß ich ein solches zur Verfügung habe.Es kann natürlich
auch ein Pianino sein.Ich stelle mir vor,daß ich --so halb schräg am Instru-
ment sitzend -- vortrage.
Was nun die Illustrierung durch das Orchester betrifft,so wäre es mir
natürlich schon angenehm,wenn die Darsteller des Wozzeck und der Marie wenig-
stens mitwirken würden.Eventuell nur markierend.Unbedingt notwendig ist es
nicht.Man kann den Gesang vielleicht anderweitig andeuten bei jenen Stellen,
wo die Singstimme unerläßlich ist.Als weitere Mitwirkung kämen ja nur mehr in
Betracht, der Doktor und der Tambourmajor.Aber wie gesagt nur:eventuell!Aus
meiner Liste ersehen Sie auch das deutlich.Die dort ((doppelt)) eingeklammerten
Teile aus dem "Wozzeck" können unter Umständen auch ganz wegbleiben.Das werden
wir entscheiden,wenn ich in Oldenburg bin,wo ich dann auch ganz genau weiß,wie
viel Zeit mir zur Verfügung steht und wie lang die Aprech- und Spieldauer mei-
nes Vortrags ist,und wie weitgehend man einen immerhin schwerbeweglichen Musi-
zierkörper,wie es das Orchester ist,beanspruchen kann.