Berg, Alban: Briefe an Rudolf Kolisch. Wien, 24.10.1930
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11.) Karte vom 19.Januar 1935 aus Wien.
Dank für Dein Kärtchen aus Nizza,lieber Freund.Wir freuen uns alle
schon auf Dein,auf Euer Nach-Wien-Kommen.Denn hier ist endgültig vollständige
Wüstenei ausgebrochen -- und sonst (nach Einzug Tutham-Carmens) überhaupt
nichts mehr zu hoffen.So bildet auch Deine liebe Karte mit den schönen künst-
lerischen Nachrichten einen Lichtblick in dieser Finsternis.Freue mich wahn-
sinnig über Euer Washingtoner Debüt mit der "lyrischen".Das wünsch' ich mir
ja seit Jahren.Dann auch auf Eueer I.Bergquartett (Titel für Programm
"Streichquartett in zwei Sätzen (1910)" in Genf (wo Reich Vortrag halten
wird) u.in...Wien.Die "Symphonischen Stücke" waren indess in Prag (Talich)
famos u.Genf (Ansermet) von wo ich sie im Radio zum 1.Mal hörte. -- Alles
Liebe von Eurem Berg u.gute Ueberfahrt liebe Frau Josie!
12.) Brief vom 14.Februar 1935 aus Wien (auf die Rückseite des Programms
des "Vereins für Neue Musik" --Feier am 9.II.,zum 50. Gebrurtstag,
Kleiner Musikvereinssaal,17 Uhr,geschrieben)
Mein lieber Rudi,danke Dir tausendmal für Brief aus Bologna,für das
Programm aus Venedig (8.2.) und für das "misteriöse" Telegramm,das mich sehr
gefreut hat.Aus umstehendem Programm ersiehst Du eine der 5 Bergfeiern in
Wien,die auch die allerschönste war,zum Unterschied von der Ravagfeier,wo 3
Sätze der lyr.Suite (I.V.u.II.(!!!)) so schlecht wie noch nie gespielt wurden.
Alles weitere erzählt Dir vorerst Reich und dann in Wien Dein Dich innigst
grüßender
Alban
Hoffentlich höre ich Montag-Abends mein I.Quartett aus Genf.Freue mich schon
sehr darauf.
13. Brief aus Wien,Frühjahr 1935,
Ich komme heute mit einer Bitte.Deren Begründung muß ich etwas voraus-
schicken,was ich sonst lieber ungesagt gelassen hätte:Infolge der scheußlichen
Situation in Mitteleuropa --und trotz Entgegenkommen der U.E.u.diversen
"Aussichten" -- hab ich große Existenzsorgen.Ich kann mich nicht entschlie-
ßen,das "Waldhaus" wegzugeben (verschleudern);wenn ich es aber halte, kann
ich mit 400 Schilling monatlich nicht auskommen.Ich muß also --wie schon vor
1 Jahr -- einen größeren Betrag auftreiben.Damals half mir Schönberg beim
Verkauf der Wozzeckpartitur an die Washingtoner National Bibliothek = 6000 S!
Aber die sind jetzt verbraucht u.ich muß an etwas anderes denken. Und da geht
nun meine Bitte an Dich:Vielleicht findet Ihr auf Eurem Weg in die weite Welt
einen reichen Phantasten,der das Manuskript der Partitur der "lyr.Suite" be-
sitzen will. (
Auch die Part.der Wein Arie (Mscrpt) ist verkäuflich).Dem