Berg, Alban: Briefe an Rudolf Kolisch. Wien, 24.10.1930
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danke Dir heute schon im voraus dafür.
Gestern hab ich das Violinkonzert beendet,hab zu der ganzen Arbeit
(incl.Part.) also nur 3 Monate gebraucht.Wie gerne zeigte ich es Dir !!! U.
wie gerne würde ich mich deshalb auch mit Dir beraten haben.Ich mute der
Geige darin doch Verdammtschweres zu u.wüßte gerne von Dir vor allem (Krasner
berät mich ja auch),ob das alles spielbar ist. -- U.a.ein (kurzer) 4 stimmi-
ger Canon!
Ansonsten genieße ich,soweit ich bisher von meinem Schreibtisch
überhaupt aufsah -- diesen unvergleichlich schönen Sommer von bisher 60
regenlosen Tagen.(8.Juni bis heute!).Schad daß.....(Fortsetzung fehlt!)
19.) Brief vom 22.September 1935 vom Waldhaus
Mein lieber Freund,Dank für Deinen Brief.Freue mich 1.daß es Dir gut
geht u.Ihr Euch noch ein bisserl erholen könnt, 2.daß Ihr eine so bewegte
Saison vor Euch habt.Wie gerne hörte ich Euch in Wien;aber ich muß wohl noch
hierbleiben,weil ich hier doch 2 mal so schnell mit meiner Lulupartitur (die
ich ja jetzt liegen lassen mußte) vorwärts komme.Und einmal muß ich ja doch
mit diesem Werk fertig werden. --auch wenn es nicht zu einer
Urauff.in Prag kommt. Das soll sich dieser Tage entscheiden. Unter uns:
wünschen tu ich's mir nicht u.wenn ich zu leben hätte,würde ich gerne bis zur
nächsten Saison (36/37) zuwarten.Aber so,kann ich der U.E.nicht verbieten,wenn
sich ihr u.damit mir ein materiell akzeptabler Abschluß bietet.Szell ist ja a
auch der letzte,dem ich die Urauff.gegeben hätte,auch nicht die Aufführung
der Stücke in Prag.Aber da sind wir ja alle überrumpelt worden.U.a.mit der
Mitteilung,daß das Orchester des deutschen The aters spielt u.daher die Heran-
ziehung seines Chefs (Szell!) eine selbstverständliche Sache sei.So aber ist
mir der ganze Vorgang heute noch nicht klar; ich selbst wurde ja gar nicht ge-
fragt.Webern teile mir nun -- allerdings aufs tiefste empört -- das fait
accompli mit. -- daß die Stücke trotzdem gefielen,ist mir natürlich eine
große Beruhigung.
Mein Violinkonzert könntest Du in Wien einsehen:Fr.Dr.Kurzmann,die den
Klavierauszug macht,hat es bei sich.Ich wäre natürlich sehr froh wenn Du
einen Blick hinein tätest u.mir Dein Urteil,zumindest über die Geigenstimme
sagtest:
Und nun mein Lieber ein herzliches "play"(*so sagte man wenigstens zu
meiner Zeit (1900) beim Tennis.) zur kommenden Saison und alles Gute Dir u.
Deinen Genossen
Dein alter
Berg