Berg, Alban: Brief an Anton von Webern. o.O., 30.8.1921
Was könntest Du mir von diesen 3 Tagen alles erzählen!! Aber ich bin selbst
schuld, daß ich über Schönbergs Leben so wenig erfahre: ich war bis jetzt weder
dort, noch komme ich jetzt nach Wien, wo Du mir alles erzählen könntest. Das
Eine aber bitte ich Dich, mir doch mitzuteilen: Was ist mit Schönbergs Tournée-
Aussichten u. dementsprechend mit seinen pekuniären Aussichten f. d. Zukunft. Das
holländische Geld muß ja baldigst zur Neige gehn!! -
Tauern, Mallnitz,
Ankogel, Böckstein!
Welche Laute für
mein Ohr!!
Könntest Du nur %
verzeih!!
Es ist eben passiert
u. ich müßte den
ganzen Brief neu schreiben
% noch Monate in solcher Ge=
gend verweilen! Und
bei Deiner Arbeit blei=
ben -- hoffentlich ist Dir
dabei noch viel Erfolg des
Zustandebringens vergönnt gewesen, bevor die Winterarbeit alles wieder
zerreißt. Wie viele Geistliche Gesänge sind es bis jetzt. Konnte ich nur in das
und in all Deine mir so wenig bekannten Werke endlich einmal tiefer ein=
dringen. Das ist so furchtbar! Ich weiß, daß es da Kunstwerke gibt, die mir
so nahe wie nichts auf der Welt stehn, und ich kann sie nicht fassen - nur ahnen
- und darauf hoffen ---
Schade daß Schonberg nicht zur Jakobsleiter gelangt ist in diesem Sommer! Aber
vielleicht kommt er im Sept. doch noch zum Komponieren! Wie lang will er
in Traunkirchen bleiben?
13. IX. Das wäre wohl schön: Alle zusamm dorthin zufahren. Aber, das
hieße für mich, meinen Plan, hier den Wozzeck zu vollenden, ganz umstoßen!
Bis zum 12. bin ich nicht fertig. Und von hier über Wien nach Traunkirchen
u. wieder zurück hierher zu fahren ist unmöglich. Du weißt, wie schwer ich reise.
Ich muß mir also - will ich nicht riskieren, unwohl zu werden - möglichste
Erleichterungen dabei schaffen. Das kostet soviel Geld.*) Und mindestens eine Woche
Zeit, die ich, wenn ich bei meiner Absicht, den Wozzeck zu vollenden, ver=
harren will, noch weiterhin dem Verein entziehn müßte. - Wenn ich also
meine Absicht, Schönberg in Traunkirchen zu besuchen, verwirklichen kann, so kann es
nur im letzten Drittel des Sept sein, wo wir (meine Frau u. ich) ihn von Wien aus über ein, zwei
Tage (die ich dann ohnehin dem Verein entziehn muß) aufsuchen will.
Selbstverständlich beteilige ich mich an einem gemeinsamen Geschenk. Aber was?
Die Klimtmappe ist eine gute Idee; aber wird sie ihm dauernde Freude machen?
D. h. Wird er sie nicht nach ein, zwei Monaten „ad acta” legen, d. h. sich nicht so damit
befassen, wie wir es täten: sie immer wieder vornehmen u. sie genießen. Aber ein
prächtiges, seiner u. unser würdiges Geschenk wäre es unbedingt. Oder was Praktisches?
Es hängt davon ab, wie es ihm pekuniär geht. Wenn nicht gut, käme auch solches in Be-
tracht. Schönberg wollte sich als er von Amsterdam kam ja so viel anschaffen, was alles unter
blieb: Bücherkasten, Teppiche (!!), Diwanüberwürfe, Tischdecke, Vorhänge etc. Vielleicht Stoff dazu??!!
Entscheide Du u. Stein darüber. Ich bin zu allem bereit. Voriges Jahr gab ich mei=
ne Clarinettstücke mit Widmung. - Heuer dachte ich an Strindbergs Briefe ans Intime Theater (dem Verein
für Privatauff. Strindbergs!) Aber wie gesagt auch Gemeinsames! Bitte teilt mir Eure Entscheidung mit!
Nun Schluß mein Lieber. Grüße Deine Lieben, auch von meiner Frau. Dir alles Herzliche Dein Berg
――― * Schnellzüge, Wagen, Träger etc. [denn stunden lang im Personenzug stehn,
alles im Rucksack selbst zu tragen u. ev.
stundenlang zu schleppen u. das bei schroffen Klimawechseln ist gleichbedeutend mit Asthma.
[seitlich rechts:]
Ich laß auch den Stein schön grüßen