Colerus, Egmont: Visitenkarte an Andreas Thom. o.O., 7.11.1919
1.)
Cremoneser Ballade.
Warum sich noch die alten Finger krallen
um dieser Geige längst zerstörten Bau?
Warum die brüchʼgen Saiten kreischend lallen?
Die Geige war nicht stets vom Staube grau,
purpurner Lack umglänzte ihre Wände,
ihr Hals war glatt und kühl wie frischer Tau.
So legte mir der Meister in die Hände
sein liebstes Werk und mahnte mich zur Kunst,
damit ein Stümper nicht das Kleinod schände.
Durchglüht von Wonne und von heilger Brunst,
in meiner Kammer abgewandter Ferne,
verlangte ich von ihr die höchste Gunst.
Kaskaden plätscherten, die süßen Sterne
erhoben sich aus lilaschwarzen Schatten.
Noch scholl gedämpfter Lärm aus der Taverne,
und über mich kam hold und schwül Ermatten.
Da griff im Fieber ich nach ihrem Bogen
und fühlte wie bereits die vollen, satten
Goldklänge durch die stille Nachtluft zogen: