Colerus, Egmont: Visitenkarte an Andreas Thom. o.O., 7.11.1919
2.)
Ein zager Ton schrie auf in Dissonanz,
ein eitles Wahnbild hatte mich betrogen!
Getäuschter Hoffnung giftgen Blütenkranz
nahm ich vom Haupte schnell und durch Geduld
erstrebte ich des Schalles freudʼgen Tanz.
Vergeblich dieses Mühn! die ganze Huld
der Geige war ein vorwurfsvolles Klagen.
Es kroch mich an mit Urgewalt wie Schuld
und ich beschloß , die Heiligen zu fragen.
Bis einst in schwarzem Sammt ein Jüngling kam,
in dessen Augen dunkle Welten lagen.
Leicht schüttelt er den Lockenkopf und nahm
die Geige an das Kinn und schloß die Lider
und zitterte vor Gier und wirrer Scham.
Dann streckten sich die schlanken Knabenglieder
und plötzlich schwoll ein heißer Ton im Raume
und bebte wonneschluchzend auf und nieder
und rauschte fernher, wie aus altem Traume,
und schnellte trillernd bis in zarte Höhen
und wogte dumpf zu tiefsten Klanges Saume;
dann stieß er vor wie duftge Frühlingsböen