Wien,am 30.Juni 29.
Hochverehrter Herr König!
Meinen besten Dank für Ihre Karte, die mich in eine eigentümliche Lage
versetzt hat.Bei aller unveränderten Anerkennung und meinem lebhaftesten
Dank für Ihr mutiges Hervortreten,das eine unumgängliche Notwendigkeit
war,muss ich Ihnen doch mitteilen,dass Ihre Karte mich nicht zu über-
zeugen vermocht hat.Noch schlimmer sogar,sie hat mich beunruhigt,indem
sie mir von einer missverständichen Einstellung zur ganzen Sache zu
zeugen schien.Nun möchte ich keineswegs Ihren wertvollen Eifer in einer
guten Sache irritieren,oder vielleicht gar Unruhe und Zerfahrenheit in
die ganze Aktion bringen.Andrerseits ist meine Besorgnis zu gross,um
Ihnen meine Bedenken verhehlen zu können.Von Karl Kraus selbst,der zur
Entscheidung der berufenste wäre,vermute ich wieder,dass er sich wird
abwartend verhalten wollen,und derzeit der Hörerschaft allein das Wort
überlässt.So sehe ich mich zu einer Polemik gezwungen,die ich aus zwei-
facher Ursache lieber vermieden hätte,aus dem unveränderten Gefühl des
Dankes Ihnen gegenüber,und aus Gründen der jedenfalls nicht zureichenden
Berufung neben einem Karl Kraus.
Wenn ich den Sinn Ihrer Karte richtig erfasse,(wobei ich jedoch
auch einigermassen die Möglichkeit einer anderen Deutung sehe,)so scheinen
Sie die Absicht zu haben,irgend einen Erfolg,der nach meiner Meinung nur
einer an den Symptomen einer leider unheilbaren Krankheit sein kann,zu
erzielen,z.B.das Krupaikinserat der Arbeiterzeitung zum Verschwinden zu
bringen oder ähnliches,und dies auf dem Wege der leidigen parteitaktischen
Verhandlungen,die immer das beste verderben.Die Erfüllung der Forderung
K's ,nämlich den Umschwung der Gesinnung bei den sozialdemokratischen
Führern und die Wiederbesinnung auf die revolutionären Ideale,werden Sie
meiner Meinung nach nicht erzielen,noch glaube ich,dass Karl Kraus dies
von Ihnen oder seinen Hörern erwartet.Die Unüberwindlichen sitzen doch
heute schon in der sozialdemokratischen Parteileitung sowie in der
Redaktion der Arbeiterzeitung,und diese hat Unrecht,zu glauben,nur
"Schober" sei gemeint.
Wenn ich Karl Kraus in seinen beiden letzten Vorlesungen richtig
verstanden habe,war sein Apell an die Hörerschaft ein letzter Aufruf
Hochverehrter Herr König!
Meinen besten Dank für Ihre Karte, die mich in eine eigentümliche Lage
versetzt hat.Bei aller unveränderten Anerkennung und meinem lebhaftesten
Dank für Ihr mutiges Hervortreten,das eine unumgängliche Notwendigkeit
war,muss ich Ihnen doch mitteilen,dass Ihre Karte mich nicht zu über-
zeugen vermocht hat.Noch schlimmer sogar,sie hat mich beunruhigt,indem
sie mir von einer missverständichen Einstellung zur ganzen Sache zu
zeugen schien.Nun möchte ich keineswegs Ihren wertvollen Eifer in einer
guten Sache irritieren,oder vielleicht gar Unruhe und Zerfahrenheit in
die ganze Aktion bringen.Andrerseits ist meine Besorgnis zu gross,um
Ihnen meine Bedenken verhehlen zu können.Von Karl Kraus selbst,der zur
Entscheidung der berufenste wäre,vermute ich wieder,dass er sich wird
abwartend verhalten wollen,und derzeit der Hörerschaft allein das Wort
überlässt.So sehe ich mich zu einer Polemik gezwungen,die ich aus zwei-
facher Ursache lieber vermieden hätte,aus dem unveränderten Gefühl des
Dankes Ihnen gegenüber,und aus Gründen der jedenfalls nicht zureichenden
Berufung neben einem Karl Kraus.
Wenn ich den Sinn Ihrer Karte richtig erfasse,(wobei ich jedoch
auch einigermassen die Möglichkeit einer anderen Deutung sehe,)so scheinen
Sie die Absicht zu haben,irgend einen Erfolg,der nach meiner Meinung nur
einer an den Symptomen einer leider unheilbaren Krankheit sein kann,zu
erzielen,z.B.das Krupaikinserat der Arbeiterzeitung zum Verschwinden zu
bringen oder ähnliches,und dies auf dem Wege der leidigen parteitaktischen
Verhandlungen,die immer das beste verderben.Die Erfüllung der Forderung
K's ,nämlich den Umschwung der Gesinnung bei den sozialdemokratischen
Führern und die Wiederbesinnung auf die revolutionären Ideale,werden Sie
meiner Meinung nach nicht erzielen,noch glaube ich,dass Karl Kraus dies
von Ihnen oder seinen Hörern erwartet.Die Unüberwindlichen sitzen doch
heute schon in der sozialdemokratischen Parteileitung sowie in der
Redaktion der Arbeiterzeitung,und diese hat Unrecht,zu glauben,nur
"Schober" sei gemeint.
Wenn ich Karl Kraus in seinen beiden letzten Vorlesungen richtig
verstanden habe,war sein Apell an die Hörerschaft ein letzter Aufruf