Engensteiner, Johann: Brief an Sophie Lotheissen. Innsbruck, 11.1.1917
u. Selbstbeherrschung, also Tugenden, die in dieser schweren
Zeit, die wir alle mit Schaudern erleben, immer höher im Werte
steigen. Ich möchte schon manchmal aus der Haut fahren,
wenn ich, statt mich meinen Gedanken hinzugeben, zu sinnen
u. zu studieren, in die Milch- u. Bäckerläden etc. laufen
u. mit Mühe u. Not die notwendigsten Lebensmittel ergattern
muß. Ich verliere täglich mehrere Stunden mit diesen
Geschäften, u komme manchen Tag nicht recht zur Besinnung.
Doch ich will nicht weiter raunzen u. dem Schicksal
immer noch dankbar sein, das mir nicht auch den Sinn für
geistige Werte geraubt hat. Mein Interesse an Kunst u.
Philosophie ist noch immer so rege, wie früher, ja viel-
leicht noch reger, u. ich erlebe nur den Schmerz, meine
jüngeren Jahre nicht besser ausgenützt zu haben.
Im vergangenen Sommer habe ich in der nächsten
schönen Umgebung unserer Stadt regelmäßig
Spaziergänge gemacht u. mich auf meinen einsamen
Wegen gar oft meines Freundes Necker erinnert
u. dabei auch Ihrer gedacht, die ihn, wie ich, betrauert