Berg, Alban: Brief an Anton von Webern. Trahütten, 20.9.1929
[mit Bleistift:] - 2 -
Verzeih den Fettfleck:
Da scheint ein Oeltropfen
in die Maschine gekommen zu sein!
keine Ahnung von uns.(Heute noch, wo dort dieser Tage eine
moderne Musikwoche stattfindet mit vielleicht zwei
Dutzend Namen - außer unseren.) Gerade von Deinem per-
sönlichen Auftreten dort - wenn auch vorerst nur als
Dirigent - verspreche ich mir sehr viel.
Ich hoffe sehr, Dein Radio-Konzert am 2.Okt. hier hören
zu können. Das Programm ist ja fabelhaft!
Kommst Du noch zur Arbeit am Quartett ? Bist Du mit
dem Rondo fertig geworden ? Herrgott, bin ich darauf
gespannt!
Du schreibst: „was für ein Wetter jetzt!” Aber ich sage
Dir: „was für ein Wetter erst jetzt!!!!!” Einen solchen
Nach=Nachsommer hab´ ich noch nie erlebt. Ich sitze im
Freien unter wolkenlosen Himmel, ganz leicht angezogen
- obwohls in der Früh kaum 5 Grad hatte.
Ueber die politische Lage bin ich ganz im Unklaren, ob-
wohl ich den ganzen Sommer durch Lekture des „Tag” und
des „Neuen Wr.Journals(Was das für ein Saublatt ist,
ahnst Du nicht)mich von links und rechts zu orientieren
trachtete. Jedenfalls macht mir hier die immer
mehr überhandnehmende Soldatenspielerei den denkbar
schlechtesten Eindruck. Mich wundert nur, daß die Sonne
nicht zu scheinen aufhört, wenn vom nahen Gasthaus herü-
ber eine fesche Frauenstimme ertönt, die mit dem Wort
„Vergatterung” eine lustige Sommerfrischlergesellschaft
zum Aufbruch animiert und die sich dann mit einem „Dop-