Bern, Maximilian: Brief an Max von Millenkovich-Morold. Berlin, 18.7.1917
"Waldesrauschen" von Ihrem lieben Vater finden.
Bei der ersten Zeile hat das Gedächtnis die ernste
Naturfreundin bei einem Wort, einer einzigen
Silbe in Stich gelassen. Sie citiert: ... "von der Urzeit
her" statt "aus der Urzeit her. - - Es hat mich um
des Dichters willen herzlich gefreut, daß auf ein=
samer Berghöhe im reichsdeutschen Schwarzwald
eines seiner schönsten Gedichte so viele Jahre nach
seinem Entstehen einer geistig vornehmen Schau=
spielerin durch die Seele zog. - - -
Da die Wiener Blätter Wüllner, der niemals
darstellerisches Können hatte, erst als Burg=
schauspieler verrissen u. dann, als er seine Ent=
lassung hatte, ihm so bewegt nachtrauerten,
fiel mir die nachfolgende Kritik aus der Vossi=
schen Zeitung ein, die einmal Frl. Strunz, die
freilich in erster Linie Darstellerin ist, mit Wüll=
ner verglich, obwohl Wüllner, der doch Sänger
war, seltsamerweise als Rezitator etwas wie
Lyrisches, Liedartiges für meinen verwöhnten
Geschmack absolut nicht zur Geltung zu bringen
vermag.
Die echte
Bußtagsstimmung und zugleich der ganze tiefe Ernst unserer Zeit
verbreitet sich im Saale während der Deklamation von Irma
Strunz: sie erinnert in dem vergeistigten Pathos des Vortrags
und in der Meisterschaft der Sprechkunst etwas an Wüllner und ist
doch zugleich ganz mitfühlendes Weib: wie sie u. a. Wildenbruchs
seltsam prophetisch erschautes "Deutschland und die Welt" zu einem
schönen Hymnus verklärte, das ergriff und hatte nichts mehr von
dem herkömmlichen Deklamationsstil an sich.