Bettelheim, Helene: Brief an Richard von Kralik. Wien, 20.8.1933
Wien 20: VIII. 1933.
Sehr geehrter Herr Doktor!
Ich sende Ihnen anbei, mit vielem Dank für die guten Lesestunden, die mir
Ihre Bücher bereitet haben, dieselben zurück: - Den TheaterAlmanach las ich bereits
im vorigen Jahr u. bemerkte mit Befriedigung, daß zwischen all dem bunten
Reklamkram, von Ihnen ein sachlich ernstes Wort gesprochen wurde. - Das
Büchlein über Rom scheint recht zweckentsprechend zu sein in Wort u. Bild, be=
sonders gefällt mir darin die Anknüpfung an die Zusammenhänge mit unserer
Deutschen Heimat. -
Die interessanteste Ihrer, eben gelesenen Publikationen, ist mir natürlich Ihre
Bibelausgabe, die in ihrer schlichten, einheitlichen Art „für die Aufnahms=
fähigkeit der Jugend u. des Volkes”, wie Sie im Vorwort betonen, gewiß das Richtige
giebt. Auch die chronologische Anordnung unterstützt das Verständniß,
ebenso die Zusammenziehung der vier Evangelien in eine einzige fort=
laufende Erzählung. Ich könnte selbstverständlich, die Vierteilung der
Evangelien nicht missen, von denen jedes Einzelne uns etwas
Besonderes u. Bedeutsames sagt. - Merkwürdig ist es mir immer,
daß gerade Johannes, derjenige Apostel der Christus persönlich am nächsten
stand, der der einzige Evangelist war, der in seiner Todesstunde bei ihm war,
- dennoch alle menschlichen Leidenszüge aus seinem Lebensbild
tilgte. Er berichtet weder von den Seelenqualen der letzten Nacht
auf dem Ölberg, noch von seinem Verzweiflungsruf vor seinem Ende:
„Mein Gott! warum hast du mich verlassen!” - - Und doch gehörte es