Bettelheim, Helene: Brief an Adalbert Franz Seligmann. Wien, 23.11.1933
Wien 23: XI. 1933.
Sehr geehrter HerrProfessor!
Erst gestern kam mir Ihr Makart-Artikel der „N. Fr. Presse” in
die Hand u. ich möchte Ihnen gleich sagen, wie sehr er mir ge=
fiel, durch die treffende Ironie mit der Sie das Machwerk, das
des wehrlosen Künstlers Namen trägt, abgetan haben, u. wie
lebhaft ich den „Nachruf”, den Sie der sog. Makart=Zeit
widmeten, nachfühle. Es war - gottlob - ja auch meine,
an hohen geistigen u. künstlerischen Werten so reiche Zeit, die
mir inmitten eines Kreises bedeutender Menschen, wie sie
unsere armselige Gegenwart gar nicht ahnt, zu erleben, ver=
gönnt gewesen. Das Makart=Stück sah ich nicht, aber auf dem
Theaterzettel fand ich auch fast lauter persönlich Bekannte,
- mit Ausnahme der Linde! - Auf welche Art Ma=
kart, der zu jener Zeit bereits geistig u. körperlich ge=
brochen war, von seiner zweiten Frau geheirathet wurde,
wissen Sie womöglich noch besser als ich? u. ich staune,
daß seine Nachkommen sich gegen die jetzige Verun=