Binding, Rudolf G.: Brief an Felix Braun. o.O., 21.8.1927
RUDOLF G. BINDING
BUCHSCHLAG (HESSEN)
21. VIII. 1927
Lieber und verehrter Felix Braun,
Sie müssen es mir heute schon verzeihen dass
ich Ihren Brief der Maschine zur Beantwortung übergebe : das
Herz ist doch dabei.
Ihr Gedenken und Ihr Wort zu dem Geburtstag,
von dem die Leute behaupten dass es der einundsechzigste sei
ohne auch nur, wie ich zugeben muss, die leiseste Begründung
für diese Behauptung beizubringen, haben mich sehr gefreut
und ich danke Ihnen vielmals dafür. Was das menschliche Alter
anbetrifft so ist es freilich ein Unsinn, es nach Erdumläufen
zu berechnen. Sehen wir nicht Menschen die nie jung waren
und nur wenige Erdumläufe zählen, und wiederum jene ewig Jungen
von denen wir nur wissen dass sie jung sind, mögen sie nuh
Mozart, Lionardo, Alcibiades, Pückler-Muskau oder sonst wie
heissen. Um jung zu sein braucht man doch schliesslich nicht
gerade noch Kinderkrankheiten zu haben, wie eigentlich die
meisten Menschen verlangen dass man sie zum Ausweis für sie
mitbringt. Es ist aber schön und richtig wenn Sie sagen, dass
man nur ernten kann, und gerade nur spät und vollgültig ernten
kann, wenn die lebengläubige Unbekümmertheit die Ernte vorbe-
reitet. Doch ist es ebenso sicher dass diese Unbekümmertheit
vor dem Kunstwerk das sich gestalten will das Schwerste
und Letzte istwas man für es aufzuwenden hat. Und hier komme
ich wieder in die Nähe unseres mir unvergesslichen Gespräches