Binding, Rudolf G.: Brief an Felix Braun. o.O., 21.8.1927
aus dem Churhaus-Keller :dass das Problematische hindern muss.
Sobald sich der Schöpfer ein Problem stellt, ist er nicht mehr
unbekümmert, eigentlich nicht einmal mehr gläubig.
Sie haben nun freundlich mein Werk in eine frühe
Unsterblichkeit erhoben, womit Sie die Sterblichkeit des Menschen
nicht ausschliessen und über die Dauer der Unsterblichkeit nichts
aussagen. Wegen der möglichen Kürze dieser Dauer mag diese Er-
hebung bestehen. Wenn Sie aber meinen ich wisse längst um die
,Gnade' und um das ,Verdienst' so muss ich, wenn ich auch darum weiss,
dennoch im besonderen Sinne widersprechen. Ich möchte - ehrlich -
sehr häufig so begabt sein wie Männer einer besonderen Gnade
und möchte manchmal so viel Verdienst haben wie Männer einer
viel geringeren Gnade. Ich sage das nicht aus Bescheidenheit
sondern weil ich zu oft sehe aus welchen unerhörten Begabungen
nichts wird und aus welchem unerhörten Verdienst ebenso wenig
wird. Einer schrieb mir neulich geradezu : zum Dichten gehöre
Glück. Er hat recht, lieber Braun. Aber trotzdem - das männliche
Glück, das Glücksempfinden wenigstens, wie wir es uns gegen-
seitig und Jeder sich selbst schuldig ist , ist doch : wenn man
sich in einem begnadeten Azgenblick das Höchste dessen man in
diesem Augenblicke fähig ist geleistet zu haben heimlich ge-
stehen darf. In solcher Verbundenheit grüsse ich Sie herzlich.
Ihr
Binding