Wien, 20. August 1918.
Lieber Freund und -
- nein, ich schreibe dieses Provinzblümlein nicht
her, sonst könnten Sie mir auch, wie es Dr. Josef Schwerdfeger -
vulgo Gnom - seinem verewigten Lehrer Keim – v. N. Wr.
Tagblatt v. 10. d. M. – getan hat, in meinem Nekrolog einen
"sonnigen Humor" zuerteilen – aber nein, ich bin nicht der
Keim, werde niemals Ihr Lehrer sein, u. mit dem Nekrolog
müssen Sie noch lange warten, denn wenn ich an dem allen,
was ich bislang hinuntergeschluckt, nicht krepiert bin, so kann
ich auf einige Unsterblichkeit Anspruch erheben, was ohne
den nötigen "sonnigen Humor" heute eine ärgerliche Sache
geworden ist. Sie können sich freilich freuen, denn wenn
nicht alle Zeichen trügen, ist heuer ein ausgesuchtes Schwämme-
wetter. ich bekomme fast täglich ein halbes Kilopaket
Schwämme aus Ungarn u. das Sprüchlein "Schwamm drüber"
liegt nahe. Ja, über was Alles!? Über alle unsere Er-
wartungen, Hoffungen, Aussichten, Freuden – alles verdorrt,
rückt ungreifbar in die Ferne, versinkt ins Chaos des alles-
auffreßenden teuflischen Ungeheuers! – Die Verkehrseinschränkg
hat mir den Rest gegeben – wo sind sie hin, die schönen
Abende – da man nicht ans Heimgehen denken mußte!
Wenn Sie noch eine Zeitung in die Hand nehmen, was eigentlich
schon überflüßig geworden ist, so werden Sie auch alle die
Freuden erlebt haben, die uns dieser Sommer gebracht hat.
her, sonst könnten Sie mir auch, wie es Dr. Josef Schwerdfeger -
vulgo Gnom - seinem verewigten Lehrer Keim – v. N. Wr.
Tagblatt v. 10. d. M. – getan hat, in meinem Nekrolog einen
"sonnigen Humor" zuerteilen – aber nein, ich bin nicht der
Keim, werde niemals Ihr Lehrer sein, u. mit dem Nekrolog
müssen Sie noch lange warten, denn wenn ich an dem allen,
was ich bislang hinuntergeschluckt, nicht krepiert bin, so kann
ich auf einige Unsterblichkeit Anspruch erheben, was ohne
den nötigen "sonnigen Humor" heute eine ärgerliche Sache
geworden ist. Sie können sich freilich freuen, denn wenn
nicht alle Zeichen trügen, ist heuer ein ausgesuchtes Schwämme-
wetter. ich bekomme fast täglich ein halbes Kilopaket
Schwämme aus Ungarn u. das Sprüchlein "Schwamm drüber"
liegt nahe. Ja, über was Alles!? Über alle unsere Er-
wartungen, Hoffungen, Aussichten, Freuden – alles verdorrt,
rückt ungreifbar in die Ferne, versinkt ins Chaos des alles-
auffreßenden teuflischen Ungeheuers! – Die Verkehrseinschränkg
hat mir den Rest gegeben – wo sind sie hin, die schönen
Abende – da man nicht ans Heimgehen denken mußte!
Wenn Sie noch eine Zeitung in die Hand nehmen, was eigentlich
schon überflüßig geworden ist, so werden Sie auch alle die
Freuden erlebt haben, die uns dieser Sommer gebracht hat.