Felner, Karl von: Brief an Arthur Roessler. o.O., 11.6.1915
KARL VON FELNER
BERLIN-WESTEND
LEISTIKOWSTRASSE 6
TEL. WILH. 4074
den 11. Juni 1915.
Mein Lieber,
als wir vor gut Jahresfrist im Café Josty
allerhand für die Zukunft besprachen, dachten wir nicht, dass sie
so aussehen werde! Jetzt bis Du Soldat, hast alles liegen lassen
müssen und weißt heute nicht, was morgen sein wird. Aber ich will
um Gottes willen nicht jammern, denn so was kann man jetzt nicht
gebrauchen.
Deine einzige Lekture sind jetzt Dienstbücher, die mei-
nige die Zeitung. Und unter gewissen Voraussetzungen, auf der Ba-
sis der Gegenwart, die zum mindesten die gesündeste ist, erlebe
ich Freude auf Freude; denn mit jedem Plus zu unseren Gunsten geht
es dem Ende aller Furchtbarkeiten entgegen. Jedes Stocken auf un-
serer Seite würde doch bloß eine Verlängerung bedeuten und bloß
denen rechtgeben, die behaupten, wir können uns bloß verteidigen.
Das könnten wir noch ungemessene Zeit. Aber das wollen wir gar
nicht, sondern ein Ende machen mit dem ganzen Stunk rings um uns
herum. Ich habe wieder gelernt, deutsch zu empfinden, oder vielmehr
bloß alte Gefühle von allerhand Ingredienzen zu säubern; ohne da-
bei mich gegen das zu verschließen, was bei uns noch anders wer-
den muss. Ich verschließe mich, stärker denn je, gegen unser deut-
sches Pharisäertum, nicht ohne wieder das bedeutende sittliche Plus,das
wir haben, immer wieder geltend zu machen gegen sogenannte intel-