Felner, Karl von: Brief an Arthur Roessler. o.O., 11.6.1915
lektuelle Propaganden für die Dinge, die in vollkommen weltfremden
Gehirnen und Blutgefäßen gähren und in ihrer Lebensunbrauchbarkeit
steril bleiben müssen, als Zeitvertreib für Zeiten, die ihre Kraft
gelegentlich an Luxus abgeben können. Was ich mir aus diesem Kriege
wünsche, ist die Geburt des Rechtes über das Vorrecht; jenes Rech-
tes, das im Völkerrechte zur Groteske geworden ist. Und was die
vielgerühmte "Freiheit" der Völker angeht, so kann ich ihren bis-
herigen Früchten in Frankreich, England und Italien weiß Gott kei-
nen Geschmack abgewinnen: sie ist Verlotterung, Betrug und Gele-
genheitsmacherei von Bestechern und Maulhelden. Nur Eines muss aus
uns heraus: das Gehorchen um des Gehorchens willen! Und dafür muss
kommen: das Gehorchen um der Notwendigkeiten willen, zu jener Frei-
heit, die strengste Gesetzmäßigkeit ist. Jede absolute individuel-
le Freiheit ist kein Ideal, sondern eine kindliche Utopie, die bloss
fordern, nicht aber auch durchsetzen kann. Wie weit die "indivi-
duelle Freiheit" führt, nämlich ad absurdum, hat wiederum dieser
Krieg gezeigt. Wieder ist die evolutionäre Entwicklung aller Le-
bensformen mit härtesten Tatsachen belegt worden, und jedes out-
sidertum, das nicht senkrecht über der Entwickelungslienie liegt
muss in der Luft zerflattern, weil es sich von der Schwrkraft des
Lebens losgesagt hat. Das Revoutionäre ist nur der Sprengprozess
erschöpfter Lebensformen, das dem ewig gleichen Leben neue Exi-
stenzformen gibt, also im letzten und besten Sinne das vitale kon-
servative Prinzip ist; während das, was man landläufig mit dieser
höchst schaudervollen Etikette beklebt, nichts weiter ist, als
die "Pompe funèbre" alles Lebens, das Beerdigungsinstitut aller
Entwickelung. Darüber wird nach dem Kriege zu handeln sein, und es