Felner, Karl von: Brief an Arthur Roessler. o.O., 11.6.1915
KARL VON FELNER
BERLIN-WESTEND
LEISTIKOWSTRASSE 6
TEL. WILH. 4074
wird dabei, weiß Gott, nicht friedlich zugehen. -
Was ich da sage,wird voraussichtlich nicht in Dein Mi-
lieu und zu Deiner Beschäftigung passen. Aber etwas von solchen
Gedanken braucht man dort draußen schon auch, um nicht sich selber
zu verlieren. Macht nur erst reinen Tisch mit unseren "Erlösern
aus der Knechtschnaft" und ihren schwindelhaften Geschäftskom-
plicen, mitsammt ihren glorreichen Völkern, deren größte Dicher
vor lauter gesungener und versifizirter Internationale heute die
ärgster nationalen Knechte, blödsinnige Chauvinisten sind; die un-
sere Anständigkeit und die unzertrümmerten Fensterscheiben italie-
nischer und anderer Geschäftsfensterscheiben unserer "Tempera-
mentlosgikeit" in die Schuhe schieben und aus unserer Tugend noch
ihr Geschäft machen möchten. Bloß ist unser Temperament gefährli-
cher als das ihre; vielleicht liegt darin sogar eine Gefahr für
uns selbst; aber es kommt auch jener Moment, wo es für sie weit
gefährlicher und verhängnisvoller werden wird, als uns das Ihri-
ge! Und dieser Moment scheint mir immer näher zu sein.
Lass recht bald wieder von Dir hören? Ob Du nach Süden
oder nach Osten kommst, wenn Dus schon weißt? Wie es Dir geht? Was
Deine Frau macht und wo sie ist? Kurz: verliere Dich nicht.
Mir persönlich gehts nicht besonders. Meine Nerven, de-
retwegen ich als "invalid" entlassen worden bin, rumoren entsetz-
lich und versagen immerfort. Ich habe zumAllgemeinen zuvieles
prsönliche mitmachen müssen. Von Arbeit kann ich kaum sprechen.
Alles Herzliche und Beste, auch von meiner Frau!
Dein
KF