Franzos, Ottilie: Brief an Julius Pée. Wien, 6.8.1922
Wien 6. August 1922.
Verehrter Freund! Wenn man auch zur Pflichterfüllung erzo-
gen ist und den seinen durch ein langes Leben nachzukommen
suchte, steht doch plötzlich einmal eine auf, die zu tun bitter
schwer wird. So geht es mir heute! Ich halte es für richtig
Ihrem warmen Interesse für meine unglückliche Vaterstadt
die augenblicklichen wirtschaftlichen Verhältnisse in ihr
darzulegen, und es graut mir davor von Geld zu reden.
Jede Geselligkeit, jede Freude an Verkehr wird uns, die wir
gewohnt waren von Literatur, von Kunst und Reisen,
von menschlichen Problemen zu reden, durch das unaus=
gesetzte Gespräch über „Valuta ", Preise und Teuerung völlig
verleidet. Es ist dagegen nicht anzukommen; beginnt
man auch mit Goethe nach fünf Minuten sitzt man tief
zwischen Kartoffeln und Kohle. Wunderbar ist es
nicht, denn der überwiegendste Teil der früheren wirklich
guten Gesellschaft ist ja von der Sorge um das tägliche
Brot, im buchstäblichen Sinne des Wortes, erdrückt.
Trotz aller Zeitungsberichte, trotz allen Interesses
des Einzelnen dafür, weiss das Ausland meiner Über-
zeugung nach doch nicht, wie es hier steht. Am
wenigsten wissen es die Fremden, die herkommen.
Sie bewohnen die eleganten Hotels, besuchen die
teuren Restaurants und was an ihnen vorbei-
flutet sind wieder Fremde, neuer Reichtum
oder auch alter. Denn trotz der Entwertung der
österreichischen Krone giebt es natürlich auch
alten Reichtum, der sich von selbst vertausend-
facht hat. Es ist nicht zu vergessen, dass, was
jetzt auseinandergefallen ist, bis vor Kurzem
ein grosses Reich war. Es sind demnach hier
noch Viele, die Fabriken in Böhmen und Ungarn,
Wald= oder anderen Besitz in Polen oder Rumänien
haben. Die Meisten haben aus Sicherheitsgrün-
den die Zugehörigkeit eben zu jenem neuen
Staat erworben, aus dem sie ihre Einkünfte be-
ziehen. Nur selten war Einer steifnackig und