Franzos, Ottilie: Brief an Julius Pée. Wien, 6.8.1922
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blieb Oesterreicher auf die Gefahr von Kampf und Einbusse.
Was sonst noch an ausgesuchtester Modetorheit am
Fremden vorbeirauscht ist daß „Wiener Mädel," das sich
früher nur dem verschenkt hat, dem ihr Herz gehörte.
War es nicht dieser Erste, der sie heimführte, sicher
gehörte sie keinem Zweiten, ohne Ring am Finger.
Wurde in Kleinbürger= Handwerker= Arbeiter=
Bedienstetenkreisen auch ein Bund vor der Ehe als läßliche
Sünde angesehen - die Treue in ihr war unver=
brüchlich!
Früher hat sie sich für "nichts" mit ihren geschickten
Fingern die reizendsten Fähnchen selbst genäht. Der
solide Schuh war leicht zu beschaffen, der einfache
Strumpf unsichtbar. Heute! Die vielen ausländischen
Missionen hatte schon das WIener Mädel traurig verän-
dert und nun - Ihre ausgesprochener Geschmack,
ihre Freude am Schönen, ihre frische Genußfähigkeit
- Alles hat sie in den Abgrund gestoßen. Nie mehr
wird die harmlose, entzückende Wienerin auferstehen.
Die grosse Zeit - dass Gott erbarm' - hat sie mit weg-
gefegt.
Ich will Ihnen, verehrter Freund, aber lieber troc-
kene Zahlen vorführen als mein Herz überfliessen
lassen.
Ich beginne mit den Lebensmitteln.
Frieden. Jetzt.
Liter: 33 Heller Milch 1640 Kronen
Kilo: 4 " Kartoffel 2100 "
1 Laib 24 " Brot 2490 "
4 " Brödchen 170 "
Kilo 2 Kronen Butter 28,000 "
" 28. Heller Mehl 3.300 "
" 2 Kr. 50 " Schweinefett 20.000 "
" 80 " Zucker 10.000 "
4 " Ei 500 "
Kilo 4 Kr. 40 Heller Filet (Ochs) 11.000 "
" 5 " Kalbfleisch 16.000 "
Dazu kommt Kohle 100 Kilo im Frieden in's
Haus gestellt nicht ganz 4 Kronen, heute ab Bahnhof