Friedländer, Alice: Brief an Elise und Helene Richter. 20.11.1918
20. Nov. 1918 .
Meine Lieben, ich danke Euch von Herzen für Eure lieben
Briefe, die mir sehr wohltun. Wir sind noch immer ohne jede
Nachricht von Franz (seit dem 2. Nov.) Es existirt keine Postver-
bindung mit den rückflutenden Truppen und so weiss man
nichts von ihnen. Die Angst ist entsetzlich. Der Tod lauert
noch immer in tausend Gestalten auf neue Opfer und
ehe wir Franz nicht leibhaftig hier haben, kann man nicht
ruhig sein. Und wer weiss, in welchem Zustand er ankommt!
Es ist doch mehr als menschliche Nerven aushalten können,
ich fühle, wie ich mürbe werde und muss alle Kraft auf wen-
den um nicht zusammenzubrechen. -
Von Hold's Leben machst Du, liebe Elise, Dir doch ein nicht
ganz richtiges Bild. So wolkenlos und sonnig wie Du denkst
war es nicht. Er hatte in der Schule allerlei Widerstände zu
überwinden, manche Lehrer verstanden sein Wesen nicht recht,
er war als Kind viel verschlossener u. spröder wie später.
Besonders ehrgeizig war er als Schüler auch nicht, der
Schulballast interessirte ihn nicht, er arbeitete soviel als nötig
war, aber nicht mehr, weil seine Interessen, ebenso wie die
Walthers, ausserhalb der Schule lagen. Dann kam allerdings die
Zeit, wo er Mitglied und dann Vorsitzender des litterarischen
Vereins des Gymnasiums war, und mit Begeisterung und grosser
Begabung dieses Amtes waltete. Auch die Jugendwehrübungen
machten ihm grosse Freude. Mit Freunden hatte er nicht viel
Glück, es war kaum einer, der ihm ebenbürtig war, aber er
hatte ja Franz und brauchte also kaum jemand Anderen. - Und dann
kam der Krieg. Die Begeisterung u. der Wunsch , mit dabei zu