sein, liess sich nicht eindämmen. Als er im Sommer 1916 nach
Perleberg kam, hing der Himmel voller Geigen. Aber bald merk-
te er, dass das Niveau der dortigen Offiziere doch unendlich
viel tiefer stand als das, woran er bei uns gewöhnt war. Er hoffte
nun auf die Zeit im Felde, denn er war damals mit Leib und
Seele Soldat. Draussen aber kam die grosse Enttäuschung. Er hatte
Pech mit Vorgesetzten, mit Kameraden, fühlte sich unendlich ein-
sam u. unbefriedigt, litt unter Zurücksetzung. Bei dem ersten
Urlaub im vorigen October sagte er mir, das wäre das Schlimmste,
monatelang keinen Menschen zu haben, mit dem man sich wie
mit Seinesgleichen aussprechen könne. Als er dann zum neuen
Regiment kam, wurde das besser. Man war freundlich gegen
ihn, er fand sogar einen wirklichen Freund in einem Maler, blieb
aber leider nicht lange mit ihm beisammen u. sah ihn nur selten.
Das waren, wie er schrieb, immer Lichtblicke. Jedesfalls waren
aber die Offiziere nette Leute und seine Stellung sehr gut.
Glücklich fühlte er sich im Krieg nicht. Er tat seine Pflicht bis
zum Äussersten, dachte nie an Schonung, aber sein ganzes
Hoffen und Sehnen gehörte dem Leben, das nachher beginnen sollte.
Todesfurcht hatte er nicht, ich glaube, er vertraute seinem guten Stern,
der ihn durch so viel Gefahr begleitet hatte. Und nun sah er das
Ende der schweren Zeit in greifbarer Nähe vor sich —, da war
Alles vorbei. Und wenn das Geschoss ein paar Meter daneben
eingeschlagen hätte, wäre dieser ganze reiche Schatz an Geist, Güte,
Lebenskraft und Hoffnung zu herrlichster Entfaltung gekommen.
Man meint, den Teufel lachen zu hören, der das gelenkt hat.
Über das Allgemeine, das uns Alle mit Grauen erfüllt,
kann ich heute nicht mehr schreiben. Vorläufig sieht man noch
keinen Lichtstrahl in dem Chaos. —
Lebt wohl, ich schreibe bald wieder. Immer Eure
Alice
Perleberg kam, hing der Himmel voller Geigen. Aber bald merk-
te er, dass das Niveau der dortigen Offiziere doch unendlich
viel tiefer stand als das, woran er bei uns gewöhnt war. Er hoffte
nun auf die Zeit im Felde, denn er war damals mit Leib und
Seele Soldat. Draussen aber kam die grosse Enttäuschung. Er hatte
Pech mit Vorgesetzten, mit Kameraden, fühlte sich unendlich ein-
sam u. unbefriedigt, litt unter Zurücksetzung. Bei dem ersten
Urlaub im vorigen October sagte er mir, das wäre das Schlimmste,
monatelang keinen Menschen zu haben, mit dem man sich wie
mit Seinesgleichen aussprechen könne. Als er dann zum neuen
Regiment kam, wurde das besser. Man war freundlich gegen
ihn, er fand sogar einen wirklichen Freund in einem Maler, blieb
aber leider nicht lange mit ihm beisammen u. sah ihn nur selten.
Das waren, wie er schrieb, immer Lichtblicke. Jedesfalls waren
aber die Offiziere nette Leute und seine Stellung sehr gut.
Glücklich fühlte er sich im Krieg nicht. Er tat seine Pflicht bis
zum Äussersten, dachte nie an Schonung, aber sein ganzes
Hoffen und Sehnen gehörte dem Leben, das nachher beginnen sollte.
Todesfurcht hatte er nicht, ich glaube, er vertraute seinem guten Stern,
der ihn durch so viel Gefahr begleitet hatte. Und nun sah er das
Ende der schweren Zeit in greifbarer Nähe vor sich —, da war
Alles vorbei. Und wenn das Geschoss ein paar Meter daneben
eingeschlagen hätte, wäre dieser ganze reiche Schatz an Geist, Güte,
Lebenskraft und Hoffnung zu herrlichster Entfaltung gekommen.
Man meint, den Teufel lachen zu hören, der das gelenkt hat.
Über das Allgemeine, das uns Alle mit Grauen erfüllt,
kann ich heute nicht mehr schreiben. Vorläufig sieht man noch
keinen Lichtstrahl in dem Chaos. —
Lebt wohl, ich schreibe bald wieder. Immer Eure
Alice