Friedländer, Alice: Brief an Elise und Helene Richter. Berlin, 25.10.1926
Berlin, 25. Oct. 1926.
Meine Lieben,
Ich schreibe Euch vom Bett aus, liege seit 8 Tagen mit
einer sehr unangenehmen z. T. schmerzhaften Blasen-
erkältung und strample vor Ungeduld, denn,
ich kann mir so einen Luxus jetzt absolut nicht
leisten. Im Haus geht Alles drunter u. drüber, ich
habe 2 Trottel als Dienstboten, die Köchin kann nicht
kochen, das Stubenmädchen ist blöd u. unfähig
zu Allem u. ich müsste überall sein, um auch nur
das Nötigste zu machen. Am 1. bekomme ich 2 neue,
da muss ich auf sein, denn wer sollte ihnen
etwas zeigen? Natürlich habe ich meine Gesund-
heit berufen, war so froh, einmal wieder ein
normaler Mensch zu sein. -
Wäre ich gesund geblieben, hättet Ihr mich wahr-
scheinlich jetzt in Wien gesehen. Frau Winterstein sollte
am 23. von der Reise heimkehren u. ich hatte die Absicht,
um die selbe Zeit dort einzutreffen. Allerdings hätte
ich des Mädchenwechsels wegen doch nicht abkommen
können. Da wollte es der Zufall, dass ich neulich Frau
Dr. Schwarzwald hier sprach und wegen Mama mit
ihr beraten konnte. Sie ist ja fabelhaft praktisch
u. energisch, übersah gleich die Situation u. versprach,
mir für Mama einen Platz in einem guten Heim der
Gemeinde Wien zu verschaffen. Man soll dort sehr
gut verpflegt sein u. zu billigem Preise, weil die Stadt