Friedländer, Alice: Brief an Elise und Helene Richter. Berlin-Eichkamp, 8.11.1932
ist. - Gestern waren wir bei der sehr schönen Auf-
führung der Johannespassion unter Furtwängler. Wir
werden aber wohl in Zukunft auf so etwas verzich-
ten müssen. Es hat Max sehr angestrengt, besonders weil
darnach unzählige Menschen Max angesprochen und
verhindert haben, dass wir bald fort konnten. Dann
ist ihm der Heimweg trotz der bequemen Stadtbahn
sehr unangenehm. Überhaupt wird ihm das Gehen
u. Treppensteigen sehr sauer. Das Brahmsfest wird
nun doch wahrscheinlich in Wien sein. Ich bin sehr
zweifelhaft, ob Max die Reise wird machen u. seine
Repräsentationspflichten als Vorsitzender erfüllen können.
Nun, es ist ja noch ein halbes Jahr Zeit. -
Der Goya ist ein prachtvolles Buch, wir haben grosse
Freude daran. Den Verfasser, Herrn v. Loga, kannten wir
gut. - Um Eure Bekanntschaft mit Sommerstorfs
beneide ich Euch. Es müssen entzückende Menschen sein.
Wenn ich von Wiener Universitätskrawallen lese, -
bin ich immer in Sorge um Dich, liebes Elisel. Sei nur
nicht zu tapfer; das nutzt nämlich gar nichts. -
Franz arbeitet jetzt an allem Möglichen für den Funk,
hat auch wieder etwas in Aussicht. Aber was er verdient,
reicht kaum für die Apotheke. Die Bajadere sende ich
zurück. Höchst interessant, schrecklich gelehrt! -
Nun lebt wohl, seid vielmals umarmt von
Eurer
Alice