Friedländer, Alice: Brief an Elise und Helene Richter. Berlin-Eichkamp, 17.10.1932
Eichkamp, 17. X 1932
Meine Lieben,
Dies ist die erste ruhigere Stunde seit einer Woche,
die mich überhaupt zum Schreibtisch kommen lässt.
Das Merkwürdigste aber ist, dass wir, sowohl Max wie
ich, nach den vorhergehenden Niederlagen trotz wirk
lich grosser Anstrengungen viel wohler sind als
vorher. - Also vor Allem: Max hat sich über
Euer prachtvolles Geschenk, das schöne Gedicht u. Eure
Briefe riesig gefreut. Selbst danken kann er noch nicht,
das Schreiben fällt ihm ja sehr schwer u. wir sind noch gar
nicht im Stande, Alles zu sichten, jede Post bringt noch
immer Briefe. Es ist rührend, dass sich Leute, von
denen er seit einem Menschenalter nichts gehört hat,
jetzt melden. Der 12. war ein herrlicher Festtag, nur
sehr anstrengend. Nach 10 kamen die ersten Besuche
das Officielle begann um 11 ½. Geheimrat Hinrichsen
(Peters) war mit der Frau eigens aus Leipzig hergekommen,
ebenso Prof. Kippenberg (Inselverlag). Der Vorstand der
Brahmsgesellschaft wurde durch den Minister Schmidt-
Ott als Redner vertreten, der lang aber ausgezeichnet
sprach, dann Prof. Petersen u. Kippenberg als Präsiden-
ten der Goethegesellschaft - glänzende Rede u. als Geschenk
die Mappe mit den facsimilirten Handzeichnungen
von Goethe. Danach Max Osborn für die Zwanglosen -