Friedländer, Alice: Brief an Elise und Helene Richter. Berlin, 12.11.1919
Freundin Henny gegenüber in ähnlichen Fällen mit aller
Deutlichkeit dagegen ausgesprochen. Mir persönlich wäre
es ja lieb gewesen, ihn hier zu haben oder ihn verbrennen
zu lassen, aber man will doch nichts tun, was nicht in seinem
Sinn ist. Und schliesslich ist es ja so wenig, was die ir-
dischen Reste bedeuten. - Ein Bekannter von uns, der in
der Zentrale für Gefangenenfürsorge arbeitet, will ver-
suchen, festzustellen, wer bei den Bergungsarbeiten be-
teiligt war. Vielleicht kann man einen von den Leuten
einmal sprechen und Näheres erfahren, vor Allem, ob
Aufzeichnungen gefunden u. aufgehoben worden sind.
Mir ist der Zeitbegriff ganz abhanden gekommen. Die Erinnerung
an den Verlauf dieses Jahres hat etwas Schattenhaftes für
mich, wie man sich etwa eines Traumes entsinnt. „Was ich
besitze, scheint mir wie in Weitem, und was verschwand,
ward mir zu Wirklichkeiten.“ Täglich erneute Wirklich-
keit ist mir die Katastrophe und was vorangegangen ist.
Äusserlich tue ich, was zu tun ist. Sehr viel Zeit nimmt
mir das ewige Flicken u. Stopfen. Da ich Niemanden habe,
der es macht, muss ich es allein tun. Schrieb ich Euch,
dass wir eine Mieterin haben, die den Salon bewohnt?
Ein junges Mädchen, das malt, sehr dumm ist, aber als Mie-
terin äusserst angenehm, weil man sie kaum hört u.
sieht. Sie zahlt 150 M. monatlich (ohne Heizung, Licht u. Bedienung)
das ist immerhin eine Erleichterung bei der hohen Miete.
Noch ein Zimmer würden wir nur gezwungen abgeben,