Berlin-Dahlem, den 6 ten Okt. 1922.
Miquelstraße 86.
Liebe Freundin!
Zunächst möchte ich Ihnen versichern, wie
sehr ich bedauert habe, Sie trotz Ihrer Zusage
bei meiner Premiere nicht in meiner Loge
gefunden zu haben! -
Ihre beiden Wünsche habe ich sogleich erfüllt.
Für Frau Reuleaux habe ich bei der Schillerstiftung
eine Spende beantragt und hoffe bestimmt, daß
sie ihr bewilligt werden wird.
Das Stück von Ihrem Schützling, La Glaneuse,
habe ich aufmerksam gelesen und sende es gleich-
zeitig an Frau Dr. Geiger. Leider kann ich
nicht glauben, daß es auf der deutschen Bühne
Glück haben würde. Wenn ich auch nicht das Ta-
lent des Verfassers verkenne, so scheint es mir
doch die Mängel einer Anfängerarbeit zu
besitzen. Schon rein technisch. Aber auch die
Fabel als solche hat - wenigstens für den
deutschen Geschmack - wenig Ueberzeugendes,
und die Hauptpersonen erringen daher kaum
unser tieferes Interesse. Diese junge Ameri-
kanerin, die sich darauf kapriziert, erst alle
früheren Geliebten ihres Zukünftigen kennen
zu lernen, und dieser junge Mann, der ihr
den Gefallen tut, würden bei uns wenig
Glauben und noch weniger Sympathie finden.
Für ganz verfehlt, ja, direkt für gefährlich -
Miquelstraße 86.
Liebe Freundin!
Zunächst möchte ich Ihnen versichern, wie
sehr ich bedauert habe, Sie trotz Ihrer Zusage
bei meiner Premiere nicht in meiner Loge
gefunden zu haben! -
Ihre beiden Wünsche habe ich sogleich erfüllt.
Für Frau Reuleaux habe ich bei der Schillerstiftung
eine Spende beantragt und hoffe bestimmt, daß
sie ihr bewilligt werden wird.
Das Stück von Ihrem Schützling, La Glaneuse,
habe ich aufmerksam gelesen und sende es gleich-
zeitig an Frau Dr. Geiger. Leider kann ich
nicht glauben, daß es auf der deutschen Bühne
Glück haben würde. Wenn ich auch nicht das Ta-
lent des Verfassers verkenne, so scheint es mir
doch die Mängel einer Anfängerarbeit zu
besitzen. Schon rein technisch. Aber auch die
Fabel als solche hat - wenigstens für den
deutschen Geschmack - wenig Ueberzeugendes,
und die Hauptpersonen erringen daher kaum
unser tieferes Interesse. Diese junge Ameri-
kanerin, die sich darauf kapriziert, erst alle
früheren Geliebten ihres Zukünftigen kennen
zu lernen, und dieser junge Mann, der ihr
den Gefallen tut, würden bei uns wenig
Glauben und noch weniger Sympathie finden.
Für ganz verfehlt, ja, direkt für gefährlich -