Lieber Freund,
für Brief und Sendung herzlichen Dank. Deine Beurteilung meines Operntextes
hat mir außerordentlich gefallen und ich stimme fast in allen Hinweisen auf Fragliches
mit Dir überein, nur möchte ich in Bezug auf die qualitative Wertung solcher Stellen ei-
niges erwidern. Der Reihe nach:Der Anteil Agamemnons an der Wendung seines unmenschlichen
Opfers zum Guten besteht darin, daß er, zu dem ganzen Unternehmen zwar nur durch den
verruchten Intriganten Aegisth verleitet (was seine Schuld erheblich mindert und so schon
eine höhere Gerechtigkeit zum Eingreifen veranlassen mag), das Opfer schließlich doch
bona fide ausführt, etwa im Sinne der Opferung Isaaks durch Abraham. (A propos - hast
Du einmal deren großartige Darstellung und Analyse in Kierkegaards "Furcht und Zittern"
gelesen?) Die Unmenschlichkeit dieser Kindesopferung darf nicht nur durch die bloß in
der Sphäre Aegisths existente Aussicht auf realen, irdischen Lohn motiviert sein, son-
dern nachdem der überreizte, nervöse Agamemnon den Einflüsterungen des Intriganten erle-
gen ist, redet er sich ein, daß ein Verlangen der höheren Macht nach diesem absurden Op-
fer tatsächlich bestehe, weil er sich, seiner Natur gemäß, den Aufschwung des Menschen
zur Erfüllung seiner letzten höchsten Ziele nur in der Abstreifung aller weicheren
menschlichen Regungen vorstellen kann. Die höhere Macht korrigiert nun diesen immerhin
achtbaren Exzess eines ihrer Geschöpfe durch Abwendung der grausamen Folgen und belohnt
durch Nichtannahme des Opfers und Schonung des Geopferten die Glaubensstärke des Opferers
Das alles geht teils aus den Worten Agamemnons, teils aus der Einleitung zum 2. Akt her-
vor. - Was den Thoas betrifft, so soll er, wie aus seinen ersten Worten im 2. Akt sich
zeigt, tatsächlich als Privatmann wirken, er ist ein bißchen die Fortsetzungen des ar-
men Königs aus dem "Geheimen Königreich", wenn Du Dich an diesen erinnerst. Sein König-
tum ist nicht sein Schicksal wie bei Agamemnon, sondern ein Akzidens, dem er sich leicht
entzieht. Deshalb dürfen auch die bei ihm spielenden Szenen etwas Intimeres haben als die
im Süden stattfindenden, weil dort immer alles zusammen gehört und durch die Einheit des
Lebens ineinander greift, während im Norden lauter Einzelne wohnen, die indivi-
duell mit ihrem Geschick fertig werden müssen. - In der Peripetie (Schluß des 3. Aktes)
glaube ich doch, daß es glaubhaft zu machen ist, daß Orest das Verhalten des Chors auf
sich bezieht und sich so aus einem punktuellen Wesen in ein kontinuierlich empfindendes
verwandelt, was nach außenhin durch den "haftenden" und nicht zu vergessenden Fluch mani-
festiert werden soll. - Nun der Schluß, gegen den Du die stärksten Einwände hast: zunächst
bin ich der Ansicht, daß eine Oper auf jeden Fall irgendwie "gut" auszugehen hat. Für
mich ist "happy end" durchaus keine hilflose Konzession an das Publikum, sondern in ge-
für Brief und Sendung herzlichen Dank. Deine Beurteilung meines Operntextes
hat mir außerordentlich gefallen und ich stimme fast in allen Hinweisen auf Fragliches
mit Dir überein, nur möchte ich in Bezug auf die qualitative Wertung solcher Stellen ei-
niges erwidern. Der Reihe nach:Der Anteil Agamemnons an der Wendung seines unmenschlichen
Opfers zum Guten besteht darin, daß er, zu dem ganzen Unternehmen zwar nur durch den
verruchten Intriganten Aegisth verleitet (was seine Schuld erheblich mindert und so schon
eine höhere Gerechtigkeit zum Eingreifen veranlassen mag), das Opfer schließlich doch
bona fide ausführt, etwa im Sinne der Opferung Isaaks durch Abraham. (A propos - hast
Du einmal deren großartige Darstellung und Analyse in Kierkegaards "Furcht und Zittern"
gelesen?) Die Unmenschlichkeit dieser Kindesopferung darf nicht nur durch die bloß in
der Sphäre Aegisths existente Aussicht auf realen, irdischen Lohn motiviert sein, son-
dern nachdem der überreizte, nervöse Agamemnon den Einflüsterungen des Intriganten erle-
gen ist, redet er sich ein, daß ein Verlangen der höheren Macht nach diesem absurden Op-
fer tatsächlich bestehe, weil er sich, seiner Natur gemäß, den Aufschwung des Menschen
zur Erfüllung seiner letzten höchsten Ziele nur in der Abstreifung aller weicheren
menschlichen Regungen vorstellen kann. Die höhere Macht korrigiert nun diesen immerhin
achtbaren Exzess eines ihrer Geschöpfe durch Abwendung der grausamen Folgen und belohnt
durch Nichtannahme des Opfers und Schonung des Geopferten die Glaubensstärke des Opferers
Das alles geht teils aus den Worten Agamemnons, teils aus der Einleitung zum 2. Akt her-
vor. - Was den Thoas betrifft, so soll er, wie aus seinen ersten Worten im 2. Akt sich
zeigt, tatsächlich als Privatmann wirken, er ist ein bißchen die Fortsetzungen des ar-
men Königs aus dem "Geheimen Königreich", wenn Du Dich an diesen erinnerst. Sein König-
tum ist nicht sein Schicksal wie bei Agamemnon, sondern ein Akzidens, dem er sich leicht
entzieht. Deshalb dürfen auch die bei ihm spielenden Szenen etwas Intimeres haben als die
im Süden stattfindenden, weil dort immer alles zusammen gehört und durch die Einheit des
Lebens ineinander greift, während im Norden lauter Einzelne wohnen, die indivi-
duell mit ihrem Geschick fertig werden müssen. - In der Peripetie (Schluß des 3. Aktes)
glaube ich doch, daß es glaubhaft zu machen ist, daß Orest das Verhalten des Chors auf
sich bezieht und sich so aus einem punktuellen Wesen in ein kontinuierlich empfindendes
verwandelt, was nach außenhin durch den "haftenden" und nicht zu vergessenden Fluch mani-
festiert werden soll. - Nun der Schluß, gegen den Du die stärksten Einwände hast: zunächst
bin ich der Ansicht, daß eine Oper auf jeden Fall irgendwie "gut" auszugehen hat. Für
mich ist "happy end" durchaus keine hilflose Konzession an das Publikum, sondern in ge-