Goering, Gerd Hans: Brief an Ernst Krenek. o.O., 8.7.1929
gewissem Sinn eine metaphysische Notwendigkeit. Sicher, dann muß natürlich alles von
vornherein darauf angelegt sein, aber ich glaube, darin nichts versäumt zu habsn.
Die Wendung zum Guten ist vorbereitet m. E. 1) durch die glückhafte Veranlagung
Orests überhaupt, der im Grunde durch alle Greuel unberührt hindurchgeht. Sein Weg von
der unbewußten, zwecklosen Freiheit durch die vermeintlich zweckvolle Gebundenheit
kann nur zur bewussten Freiheit führen. 2) durch den Charakter der Iphigenie, deren
Leben ununterbrochener Aufopferung auf keinen Fall ohne erfreuliches Ergebnis bleiben
darf 3) durch Thoas, der "immer stehend bemüht", nun nicht leer ausgehen kann. Der
Apparat hiezu: daß die Wendung schon im Anfang der Verwicklungen durch die alte Ana-
stasia vorbereitet ist, d ren naturnahe Simplizität gegen alle Veranstaltungen der
Gottvergessenen recht behält, und schließlich von dem Kind verwirklicht wird, das die unbefleckte Zu-
kunft repräsentiert, die auf die genaue, aber fruchtlose und peinliche Abrechnung
mit einer eben doch vergangenen Vergangenheit verzichtet. Daß diese Wendung zum Gu-
ten d s Resultat einer fröhlichen Doppelmariage zeitigt, ist so ehrwürdige Operntra-
dition, daß ich nicht darauf verzichten wollte. Der Inbegriff des Opernglücks ist
eben eine gute Partie, im Doppelsinn dieses Wortes. - Zur Textgestaltung gebe ich
Dir vollkommen recht. Ich war sicher durch meinen neuen Stilwillen da und dort et-
was befangen und habe wohl gelegentlich nach der Seite der zu restituierenden Urtüm-
lichkeit einer im Tagesgebrauch abgegriffenen Wendung des Guten zu viel getan, nur
um einen geschwollenen und gefühlsleeren Pathos zu entgehen. - Besonders danke [i]ch
Dir für die ungewöhnlich gute Würdigung der Elektra.
Nun zu Deinen Sachen. Beide gefallen mir ausgezeichnet, besser jedenfalls
"Achtung, Radio!", das mir in sprachlichen Ausdruck prägnanter, einfacher und durch-
schlagender vorkommt. Kleiner Einwand zur Form: die kurzen Sätze auf S. 1 - "man
kennt das ja" - "es ist...Erfahrung"- "man mache.... Probe" - fallen stilistisch
irgendwie heraus, sind zu konzilient oder so etwas. Besonders störend ist auf S. 4
der Einschub "Das Radiohören nämlich", eine Erklärung, die eine Dummheit des Le-
sers, sein Nichtverstehen bei einem eigentlich recht einfachen Satz voraussetzt, wo
viele bedeutend anspruchsvollere Sätze mit Recht unkommentiert bleiben. In der Form
gibt es auch eine Lockerung in dem sonst so konzentrierten Gefüge, die stört, eine
allzu verbindliche Ausführlichkeit. Ich bin bei zewimaligem Vorlesen des Aufsatzes
beidemal an diesem Satz entgleist. Mit dem sachlichen Inhalt selbstredend völlig
einverstanden, es wäre denn, daß der häufige Hinweis auf Proletariat, Arbeiter-
schaft u. dgl. eine Grundtendenz vermuten lassen könnte, die eigentlich gar nicht
da ist, indem Du ja kaum die Interessen einer Klasse zu vertreten wünschst, wenn