Goering, Gerd Hans: Brief an Ernst Krenek. o.O., 6.5.1932
Lieber Freund!
Vielen Dank erst für Deinen Brief
vom 2. IV., der das Missverständnis aufgeklärt
hat - ich war aus unbekannten Gründen,
dass Du über München gleich nach Wien heim-
fahren würdest. Ebenso herzlichen Dank für
die drei und noch ein mal eine Fackel.
Aber dass ich selbst erst jetzt schreibe, musst Du
mit meinem leider immer noch sehr schwan-
kendem Gesundheitszustand entschuldigen.
Und einigen anderen Hindernissen.
Es ist sehr gut, dass Dir meine Anteilnahme
an der "23" nicht langweilig oder zuwider wird,
denn mir fällt zu jedem Heft etwas ein, und
das ist augenblicklich das einzige, was mir Freud
macht. Also gleich Heft 3: "Ecce poeta" ist total
verunglückt, wenn's auch sicher gut gemeint
ist (ich würde mir alle Haare ausraufen, wenn
ich so etwas über mich lesen würde). Wenn es
wenigstens nicht so anspruchsvoll an erster Stelle
stünde! Es weist ja nicht eine Spur Substanz auf,
der reine, blanke Schmus! Ich bin überzeugt, dass
der alte Korngold seine Leute intelligenter lanciert.
Und dann sollte sich "23" befleissigen aus ihrer diktion
den neudeutschen Graus auszumerzen: die Super=
lative. Warum "einem der grössten und edelsten