Goering, Gerd Hans: Brief an Ernst Krenek. o.O., 27.1.1932
übersichtig und sie verfluchend reist er einen Abgrund
auf, weiter und weiter, weit über allen Anlass.
Das ist Shakespeare! Und Ehre gebührt der grösse-
ren unbedingteren, leidenschaftlicheren Liebe!
Das hat mit so prinzipiellen Dingen, wie Men-
schenliebe und -Hass nichts zu tun. Nur Ver-
liebtheit hängt sich an eine Illusion; Men-
schenliebe ist Weisheit, die sich zum Concreten
verhält, und liebt die Mensch wie sie sind
um dessentwillen, wie sie sein sollen. Sh. hat
mit Fleiss Timon von jeder prinzipiellen
Bindung freigehalten, indem er ihm die Figur
des Apemantus gegenüberstellte, den Kyniker.
Ap. ist genau so kalt wie Timons Idole, aber
gewendet: er durchschaut sie - mit dem
Verstand; Timon - später - mit dem Herzen.
Aber das, den Ausbruch, will Ap. nicht als
Erkenntnis gelten lassen, sondern eben nur
als Ausbruch, Leidenschaft. Doch auch
Timon grenzt sich von ihm ab. „Du bist
ein Sklav, den nie der Liebes-Arm des Glücks
umfing. Ein Hund wardst Du geboren.”
Und „Wer schmeichelte Dir je? Wer nahm
von Dir?” Mit dem Contrast dieser herrlichen
Stelle: Dagegen ich,
ehe ich als Lustgelag die Welt besass,
Mund, Zungen, Augen, Herzen aller Menschen
(Der letzte Vers leider bei Kraus gestrichen, obwohl
er, wie mir scheint, des Zusammenhangs
mit den folgenden, zu recht gestrichenen,
nicht bedarf). Aber höchst dankenswert ist
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