Haus, Anton von: Brief an Lucia von Fries-Skene. o.O., 21.9.1916 - 23.9.1916
wollte, so daß sein Name nie mehr genannt
wurde. Und noch jetzt nach 15 Jahren,
ist es nicht sehr viel anderst, wenn ich eine
Minute lang an ihn denke.
Das sind meine 3 Friedhöfe. Sonst habe ich
nie geweint, nie ein Herzleid zu über=
stehen gehabt; fürchte nichts so sehr als zu
lange zu leben. Die einzige Lehre, die
ich aus meinen Leiden zog, war die Ein=
sicht, wie töricht ich war, nicht mit meinem
Leben zufrieden zu sein, da ich zuvor
doch so reich gewesen; u. wie reich ich
auch noch nach dem Verlust geblieben, da
ich ja noch so viel zu verlieren habe.
Aber mein Schmerz wurde durch diese
Einsicht, die doch auch einen Selbstvorwurf
enthält, nicht im geringsten gelindert.
Über Ihre Bitte, ich möge Ihnen öfter u.
länger schreiben, konnte ich nicht anderst als
herzlich lachen. Unbescheiden? Sie, verehr=
te liebe Freundin? Sie müssen ja fühlen,
wie sehr mich Ihr Wunsch nach mehr Brie=
fen beglückt. Aber gestatten Sie mir eine
rein mathematische Abrechnung. Auf Ihrem
großen Format schreiben Sie durchschnitt=
lich 50 Worte per Seite, also auf allen
3 Bogen des letzten Briefes höchstens 600.
Meine vollgeschriebene Seite enthält jede
250 Worte, der Bogen also 1000, 2 Bogen
des Briefes u. der beigelegten früher ge=
schriebene Bogen, alles zusammen also
3000 Worte, 5mal soviel als Ihr lieber
Brief. Außerdem habe ich noch 3 Bogen
Fertiggeschriebenes, die ich aber mit dem näch=
sten Brief zu schicken gedenke, weil ich fürchte
Sie gar zu sehr zu ermüden. Oder nein, ich schicke
es doch mit, Sie brauchen es ja nicht gleich zu lesen. Dann
sind es 6000 Worte gegen Ihre 600, allerdings ٪
[seitlich links:]
٪ viel lieber ohne Mathematik. Wenn Sie daraus den Schluß
ziehen, daß meine Verehrung für Sie 10 mal so groß ist als Ihre
für mich, kann ich dies nur bestätigen. Mit innigem Gruß Ihr A.Haus