Haus, Anton von: Brief an Lucia von Fries-Skene. o.O., 21.9.1916 - 23.9.1916
8 Jahre später, 1900, trennte ich mich besonders
schwer vom 3jährigen Walter II, um eine
zweite Erdumseglung anzutreten. In je=
dem Brief meiner Frau ließ Walter mir
was sagen. Am 21.IX.1901 Abends erwar=
tete ich in Wladivostok auf „Maria Theresia”
den Gouverneur, Admirale etc mit Damen
zum Diner, von welchem wir alle zusam=
men zum Ball auf „Gromoboj” gehen soll=
ten, den die Russen uns zu Ehren gaben.
Als das Boot mit den Gästen anzulegen
im Begriff war, übergab man mir
ein Telegramm: „Walter gestorben,
Übrigen gesund.” Ich hatte gerade noch
Zeit, das Papier einzustecken, schon ka=
men die Gäste die Treppe hinauf. Es
war ein besonders heiteres Diner. Alles
aufgeräumt u. herzlich, nie floß die Rede
mir leichter vom Mund. Nach dem Aufbruch,
beim Fallreep, entschuldigte ich mich, zum
Ball nicht mitkommen zu können, da ein
Sohn gestorben. Betroffene Minen. Wann
ich es erfahren? „Eine Minute bevor Sie
auf Deck kamen.” Die Damen sahen mich
entsetzt an, eine solche Herzlosigkeit schien
ihnen unfaßbar. Die Admiralin, Mut=
ter von 7 Kindern, fragte mit feindse=
ligem Blick: „Vous ne l'avez donc pas aimé? -
„Ah, si je l'ai aimé! Le plus de tous!” Sie
wandte mir den Rücken u. ging; beim
Kommen hatte sie mich nach russischer Sitte
auf die Stirne geküßt!
Als ich allein war, brach alles in mir zusam=
men. Wochenlang litt ich, allein, unsäglich;
zu Hause, 8 Monate später, verlor ich alle
Fassung, wenn meine Frau von Walter sprechen