Haus, Anton von: Brief an Lucia von Fries-Skene. Pola, 19.12.1916 - 23.12.1916
ernst nehmen können. Daher der ewige
Zwiespalt zwischen Naturforschern u.
Philosophen: sie können einander nie
verstehen, weil ihre Geister im Denken
verschieden geschult sind. Daher ver=
stehe ich auch Türk ebenso wenig wie
Schopenhauer.
Türk gefällt mir schon deshalb nicht, weil
er Ihren Liebling Spinoza nicht freund=
licher behandelt, ihn einseitig nennt.
Aber er hat auch Worte, die mir aus der
Seele gesprochen sind: „Die Obj., die Liebe
ist es, das den genialen Menschen dazu
bringt, sich in einen Gegenstand - -
(Tom: „Aber unser Gegenstand lebt u. o Wunder,
o Seligkeit! er liebt!”) zu vertiefen, sich ganz
seinem Eindruck - (Tom: „Und ihm selbst,
ihm vor allem!”) hinzugeben. Je mehr er
sich aber in dieser Weise dem Gegen=
stand seiner Liebe hingibt, desto mehr
sagt er ihm, desto mehr offenbart er
ihm sein geheimstes Wesen. (Tom: „Dar=
aus folgt also logisch: Je mehr sie ihr geheimstes We=
sen offenbart, je mehr sie sagt, desto mehr gibt
sie sich hin, desto mehr liebt sie! Ach, wenn sie
ihr geheimstes Wesen ganz, ganz offenbaren
wollte! Die innere liebe Stimme diktiert ihr ja,
sich zu offenbaren.) Was heißt Liebe anders, als sich
bereichern, erweitern, vergrößern, um das
was man liebt? Der Inder sagt: Du bist ich, d. h. ich lebe
in dir noch einmal.” - Für diese Worte verzeihe ich ihm alles Andre.