Hofmannsthal, Hugo von: Brief an Felix Braun. Bad Aussee, 22.9.1920
Bad Aussee
Obertressen 6
den 22 September 20.
lieber Dr Braun
Ihr Brief macht mir eine große Freude - es ist ein Gefühl seltener
Art, das Sie mir zumitteln wenn Sie von dieser Aufführung des Gedichtes
durch junge Leute sprechen, vor jungen u. alten Leuten, von der
Wirkung, wenn Sie auf den Inhalt dieses Gedichtes hindeuten, das ein mir fremder
u. doch so unlöslich mit meiner tiefsten Seele verknüpfter
einsamer Knabe in einem halbfinsteren Zimmer in der engen Salesianergasse
vor siebenundzwanzig Jahren an ein paar Aprilvormittagen
hinschrieb, horchend auf Etwas, das bald in ihm,
bald schräg über ihm zu hangen oder zu schweben schien – und ihm
die Verse beinahe vorsagte. Was in mir vorging beim Lesen
Ihres Briefes können Sie, der Sie selbst ein Dichter sind und sich von
Jahr zu Jahr als solcher vor Gott und der Welt immer stärker
beglaubigen, besser errathen als dass ich es genau und richtig
ausdrücken könnte. Das auch tut mir wohl, dass Sie von dem
Stück sagen, dass das Poetische in ihm nichts anderes sei, als die
Ahnung des wirklich seienden Lebens selbst. Das ist die Wahrheit:
das Gedicht ist aus einer inneren Herrlichkeit und Fülle hervorgegangen –
aus der Angst diese im wirklichen Leben nicht unmittelbar
wieder zu finden – nicht aber aus Dürftigkeit u. Selbstvorwürfen
einer dürftigen Natur. Diese Ungereimtheit habe ich früher oft lesen
müssen, u. sie schleppt sich hie und da fort, wie jede Schiefheit,
[links:] Vergeben Sie die unordentliche Hand mit der dieser Brief geschrieben ist; ich bin fast über die Kräfte in Arbeit, u.
es ist zudem Föhnwind.