Hofmannsthal, Hugo von: Brief an Felix Braun. Bad Aussee, 22.9.1920
wenn sie einmal stereotypiert ist; es ist ein Hauch von
jugendlicher Selbstironie über dem ganzen Ding, wie auch über
dem „Tod des Tizian” – dieser hat die unzarten und rein
verstandesmäßigen Urteile dann verführt.
Ich halte oft das zarte u. reiche Bändchen in der Hand, dem Sie den Namen
gegeben haben: das Haar der Berenike. Über dem Einzelnen noch,
wenn Vieles mich sehr entzückt, steht mir die geistig=sinnlich
zarte Einheit des Ganzen – wie das goldene Haar eines geliebten
Wesens alle diese Gedichte zur Einheit zusammenbindet – die
Visionen und mythischen Gestaltungen, die einfachsten und die reichsten
Wie alles eins dem andern antwortet, darin ist etwas wunderbar
Schönes wie in Moosen oder Gesteinsbildungen, nichts Künstliches,
sondern das Kunstvolle des Naturhaften. Das Ganze ist ein
Gedicht, in viele Gedichte sich auseinanderlebend; dadurch ist es
es neu, ist ein Gebilde für sich, das man nicht aus dem Sinn bringt; und
dadurch kommt in eine Bildung, wie die Metamorphose der Daphne auch noch etwas
Unerwartetes, Bezauberndes. Die Art wie sich in dem Büchlein das ganz Schlichte, landschaftliche
mit dem gestalthaft Antikischen verbindet, ist so besonders
oesterreichisch; so
kommt in das schöne neu-deutsche Gedichtenbuch ein besonderer Geschmack hinein, wie ein Bergwasser einen besonderen
Geschmack hat – doch ist das Wort schon fast zu grob. – Sollte ich sagen
welche mir die liebsten wären, so vielleicht eben die, worin die Landschaft
zart mitgespiegelt ist: (aber seele=gewordene Landschaft) wie „Nachmittag
am Fenster” – oder „spätes Liebeslied” – die Zeile „Hoffnung Glaube längst
mir starben” kann ich nicht verstehen. Es ist in diesem Gedichtlein alles sonst
wahr – wäre diese Zeile wahr, so müssten Sie erstarren u. sterben.
Aber Sie leben, und Hoffnung Glaube Liebe – wer sonst hätte
dem die Feder geführt, der aus dem schlichtesten Erlebnis in sich das
völlig Schöne abzuscheiden u. zu bewahren verstand wie in der Erzählung
[rechts:] von der „Magd am Chiemsee”? Möge das Gefühl Ihrer Kräfte Sie nie auf lange verlassen. Herzlich der Ihre
Hofmannsthal.