Jacobsohn, Siegfried: Brief an Karl Kraus. Charlottenburg, 12.2.1924
fünfte Aufführung: „Kaiser Jones“, der ein paar Statistenrollen, eine
kleine Rolle und die Titelrolle hat, die kleine Rolle aus eignen Mitteln jäm-
merlich und die Titelrolle von – einem Gast gespielt wurde.
Ersatz für
„Übergang“ war das eine Mal, wo ich gar nicht schrieb. Die „Motivierung“
für meine Aburteilung bin ich in der Kritik des fünften Abends nicht schul-
dig geblieben.
Ich bin sehr für „Bestand zu einer Sache“, an die ich
glaube. Aber da ich nach dieser Saison an den Theaterdirektor Viertel und
seine Sache nicht mehr glaube, kann ich auch keinen Bestand leisten.
Wenn
Sie nach einer Stunde Probe zum „Kaufmann von Venedig“ das Urteil fällen,
daß Viertels Taten höher zu bewerten sind als Jessners „Othello“ und „Napoleon“,
so habe ich vor dieser Meinungsäußerung dieselbe Achtung wie vor allen Ihren geisti-
gen Kundgebungen. Aber diese Achtung hindert mich nicht, Jessners „Othello“
und „Napoleon“ unvergleichlich höher zu stellen als die fünf Abende der „Truppe“,
die, Alles in Allem, von einer lähmenden Dürftigkeit waren.
Der Einwand, daß
Sie befangen seien, ist von mir allerdings ebenso wenig zu erwarten wie
die Furcht, daß Sie mich für befangen halten könnten.
Wenn die „große Ent-
täuschung dieses Theaterwinters“ nicht Viertels Ohnmacht ist, sondern die meine,
„Redlichkeit, Echtheit und Unverschrobenheit des Wollens“ auch schon für Können
zu nehmen, so muß ich das tragen. Und werde es tragen in dem Bewußtsein, daß
verwerflicher als diese meine Ohnmacht jeder Versuch wäre, aus Angst vor solchem
Vorwurf eine Anerkennung zu heucheln, die ich außerstande bin zu zollen. Ich blei-
be dabei, daß wir an dem Schriftsteller Viertel beklagenswert viel verloren haben,
und daß die Entschädigung für diesen Verlust keine ist, da das Theaterleben Ber-
lins, dem man Viertel heute entzöge, weder an Farbe noch an Bewegung noch an
Geistigkeit einbüßen würde.
Mit herzlichen Grüßen Ihr
Siegfried Jacobsohn
Die Berichtigung, von der ich sehr bedaure, daß sie nötig war – trotz-
dem die meisten meiner Leser die Korrektur selbst vorgenommen haben dürf-
ten – kam für diese Nummer zu spät und wird in der nächsten erscheinen.