Der letzte Abend war zwiefach niederschmetternd: ein erzmise-
rables Stück – Musils ‚Vinzenz‘ – fand eine congeniale Darstellung. Ich
hatte mir beim Umbruch für meine Kritik zwei Seiten ausgespart. Aber
als ich mich am Sonntag hinsetzte, um sie zu füllen, gelang es nicht. Was
ich geschrieben, zerriss ich wieder. Nicht, daß es mir zu hart erschienen
wäre. Es war nur gerecht. Aber daß hier Gerechtigkeit die äußerste Härte
bedeutete, deprimierte mich so, daß ich schließlich verzichtete und einen andern
Beitrag von zwei Seiten in die Nummer nahm.
Der fünfte Abend – nun,
der war so skandalös, daß Alles aus mir herausbrach. Bis dahin war ich
ja gegen meine Überzeugung sanft und zurückhaltend gewesen. In schlaflosen
Nächten – ohne Übertreibung: in schlaflosen Nächten machte ich mir Vor-
würfe, daß ich Viertel lang über die Schonzeit hinaus mit einer Milde be-
handelt hatte, die ich in zweiundzwanzig Jahren niemals einem so wenig
lobenswerten Objekt meiner Kritik hatte zuteil werden lassen. Aber da
die Natur sich selber hilft und immer das Gleichgewicht wiederherstellt, so
mußte ich durch einen Ton, der zu schroff klang und doch nur angemessen
schroff war, gutmachen, was ich gesündigt hatte. Es war eine hygienische
Maßnahme, eine Reinigung des Geblüts. Ich vermute, daß ich danach
künftig weder zu milde noch zu schroff sein werde.
٭
Und jetzt will ich noch ein paar einzelne Sätze Ihres Briefes der Reihe
nach beantworten, auf die Gefahr hin, daß das schon in meiner zusammen-
hängenden Darstellung des ganzen Falles geschehen ist.
Die „Rücksicht auf die ge-
hässigen Minderwertigkeiten des Theater= und Journalbetriebs“, die an der Ab-
lehnung von Leistungen einer geistigen Erscheinung wie Viertel „ihre Freude haben“ –
diese Rücksicht hab ich ja grade geübt, solange ich konnte. Aber schließlich
mußte ich um meines Seelenheils willen aufgeben, sie zu üben. Hinzu kam
ja, daß Viertel selber immer den höchsten Maßstab angelegt, daß ihm an-
derswo nichts gefallen, daß er bedauernswerte Mittelmäßigkeiten mit
äußerstem Furor als verdammenswerte Schädlinge bezeichnet hatte – sodaß
es eigentlich nur in der Ordnung war, wenn man nach einem Vierteljahr dazu
schritt, ihn mit seinem eignen Maßstab zu messen. Diese „Truppe“, die
doch wohl ein Ensemble bilden sollte, war nach vielen Monaten der Vor-
bereitung und vier bis fünf Monaten der öffentlichen Übung so weit, daß für die
rables Stück – Musils ‚Vinzenz‘ – fand eine congeniale Darstellung. Ich
hatte mir beim Umbruch für meine Kritik zwei Seiten ausgespart. Aber
als ich mich am Sonntag hinsetzte, um sie zu füllen, gelang es nicht. Was
ich geschrieben, zerriss ich wieder. Nicht, daß es mir zu hart erschienen
wäre. Es war nur gerecht. Aber daß hier Gerechtigkeit die äußerste Härte
bedeutete, deprimierte mich so, daß ich schließlich verzichtete und einen andern
Beitrag von zwei Seiten in die Nummer nahm.
Der fünfte Abend – nun,
der war so skandalös, daß Alles aus mir herausbrach. Bis dahin war ich
ja gegen meine Überzeugung sanft und zurückhaltend gewesen. In schlaflosen
Nächten – ohne Übertreibung: in schlaflosen Nächten machte ich mir Vor-
würfe, daß ich Viertel lang über die Schonzeit hinaus mit einer Milde be-
handelt hatte, die ich in zweiundzwanzig Jahren niemals einem so wenig
lobenswerten Objekt meiner Kritik hatte zuteil werden lassen. Aber da
die Natur sich selber hilft und immer das Gleichgewicht wiederherstellt, so
mußte ich durch einen Ton, der zu schroff klang und doch nur angemessen
schroff war, gutmachen, was ich gesündigt hatte. Es war eine hygienische
Maßnahme, eine Reinigung des Geblüts. Ich vermute, daß ich danach
künftig weder zu milde noch zu schroff sein werde.
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Und jetzt will ich noch ein paar einzelne Sätze Ihres Briefes der Reihe
nach beantworten, auf die Gefahr hin, daß das schon in meiner zusammen-
hängenden Darstellung des ganzen Falles geschehen ist.
Die „Rücksicht auf die ge-
hässigen Minderwertigkeiten des Theater= und Journalbetriebs“, die an der Ab-
lehnung von Leistungen einer geistigen Erscheinung wie Viertel „ihre Freude haben“ –
diese Rücksicht hab ich ja grade geübt, solange ich konnte. Aber schließlich
mußte ich um meines Seelenheils willen aufgeben, sie zu üben. Hinzu kam
ja, daß Viertel selber immer den höchsten Maßstab angelegt, daß ihm an-
derswo nichts gefallen, daß er bedauernswerte Mittelmäßigkeiten mit
äußerstem Furor als verdammenswerte Schädlinge bezeichnet hatte – sodaß
es eigentlich nur in der Ordnung war, wenn man nach einem Vierteljahr dazu
schritt, ihn mit seinem eignen Maßstab zu messen. Diese „Truppe“, die
doch wohl ein Ensemble bilden sollte, war nach vielen Monaten der Vor-
bereitung und vier bis fünf Monaten der öffentlichen Übung so weit, daß für die