Jaray, Karl: Brief an Karl Kraus. Wien, 16.10.1934
"Aber ich spreche vor allem nicht für jene seit
jeher tief ungetreuen Anhänger, die es nur solange
sein wollen, als das Gesprochene ihnen Recht zu
geben scheint und deren öffentlicher oder geheimer
Abfall in dem Augenblick vollzogen wird, in dem
sich die unbeirrbare Logik des bis dahin Bewunderten
gegen ihr eigenes Denken kehrt. Nicht für jene
intellektuellen Selbstbehaupter vor dem Kämpfer
und Künstler Karl Kraus, die, wie im 15. Jahr der
Fackel so auch heute, nach der beispiellosen
Haltung des Herausgebers vom ersten bis zum letzten
Tag des Weltkrieges, nach seinem sittlichen Reini-
gungswerk der Nachkriegszeit, nach den Julitagen
von 1927 die Frage stellen wollen, ob Karl Kraus
denn auch Mut habe, und es bezweifeln, wenn sie
sein Schweigen nicht begreifen; die nicht an sich,
sondern an ihn Forderungen stellen, von ihm erwarten,
dass er tun werde, was sie für richtig halten und
über ihn statt über sich nachdenklich werden, wenn
es ausbleibt."
Mit diesen Worten habe ich mich als Sprecher einer wahren Anhängerschaft
in meiner Rede vom 29. April im voraus von jenen Scheinanhängern
geschieden, deren Abfall nach dem Erscheinen der Nummern 889 - 905
der Fackel offenbar wurde. Solche enttäuschte Anhänger werden, so darf
man hoffen, von selbst den bevorstehenden
VORLESUNGEN VON KARL KRAUS
fernbleiben. Doch da ihre Ausscheidung aus einem Adressenregister
begleiflicherweise noch nicht erfolgen konnte, so muss hier deutlich
gesagt werden, dass sie nur dieser technischen Unmöglichkeit die
Zusendung noch dieser Zuschrift verdanken, durch die um sie in keiner
Weise geworben werden soll.
Nicht minder deutlich muss aber ausgesprochen werden, dass
tief unerwünscht auch die Teilnahme jener missverstehenden Verehrer
ist, die nur nach dem Kunstgenuss Verlangen tragen, Hörer sein wollen
um zu hören, wie der Vorleser liest, aber nicht hören wollen, was der
Herausgeber der Fackel zu sagen hat.
Diese Verständigung richtet sich also ausschliesslich an
"die kleinere Gemeinde", von der auf den Seiten 312 und 313 der Fackel Nr.
890-905 die Rede ist, an Solche, die schon vor dem Erscheinen