Bartsch, Rudolf Hans: Brief an ... Artaria. Baden, Wien, 14.4.1916
Dann musste ich fort an die Front und
dachte im Zeppelin, in den Tauchbooten und
Flugzeugen, auf hoher See und im Heulen
der Granaten wenig an ihn. Oder doch! Die
Leser dieses Blattes werden sich vielleicht er=
innern, daß ich gelegentlich meiner Fahrt durch
den damals unsäglich schwermütigen Kaiser
Wilhelms=Kanal unsern Wehmutskünstler er=
wähnte. Daß er daheim mit echter Grazer
Rabbia arbeitete, das wagte ich freilich nicht zu
hoffen.
Als ich heimkam, lag eine fertige Mappe
da; vierzig Radierungen und mehr. Die ersten
noch unbeholfen, schüchtern, entsetzlich schwere
Luft; wie Tuchenten hingen die Wolken vor
den Bäumen herunter. Dann erinnerte sich
Luigi Kasimirs Schüler an die leichtere Hand
seines Meisters; immer graziöser flog die
Nadel über die Platte, immer beherrschter und
sicherer gelang ihm die Form. Manche Sachen,
wie Graz oder Straßgang bei Graz, beide im
Schnee, waren schon Meisterstücke, und der
mährische Dorfplatz mit Kirchturm und Fahne
und Pferdegespann ist geradezu virtuos zu
nennen. Aber ich will der ruhigeren und sach=
lichen Kritik nicht vorgreifen. Hier ist bloß zu
erzählen, wie unverbesserlich so ein rechtes
Künstlerherz warten und lauern und passen
kann, bis seine Stunde kommt. Vielen zu Trost
hoffe ich diese Zeilen geschrieben zu haben.
Denn was in diesem Oesterreich Männer mit
Künstleraugen, mit Künstlerherzen herum=
laufen, ohne daß die ungeübte und wider=
strebende Hand ihnen noch gehorchen wollte,
das weiß ich recht gut. - Es ist nie zu
spät! Der Fall Scherer lehrt es.
such, sie mit Gewalt zu nehmen,
auf Widerstand der Militär=
partei stoßen würde. Der einzig mög=
liche Ausweg für Griechenland sei, wie das
Reutersche Bureau behauptet, offenbar der,
nach dem Empfang des Ultimatums der
Alliierten ein Ultimatum an Bulgarien
zu richten.
Die Gesandten aus Athen in Kavalla.
Sympathiekundgebungen bei ihrer Abreise.
Sofia, 25. November. (Meldung der
Bulgarischen Telegraphenagentur.) Die Mit=
glieder der diplomatischen und
Konsularvertretungen der ver=
bündeten Mächte in Athen, die in
flagranter Verletzung des Völkerrechtes und
der Souveränität Griechenlands vom fran=
zösischen Admiral ausgewiesen worden sind,
sind gestern im Hafen von Kavalla
eingetroffen. Sie hatten die Fahrt auf
Kosten der griechischen Regierung mit einem
griechischen Schiff gemacht. Die griechische
Regierung bezeigte ihnen alle ihrer Lage
gebührenden Rücksichten. Vor ihrer Abreise
erhielten die Gesandten den Besuch zahl=
reicher griechischer Notabilitäten,
darunter insbesondere mehrerer ehemaliger
Ministerpräsidenten, die ihnen ihr tiefes
Bedauern und ihre unwandel=
bare Sympathie zum Ausdrucke brachten.
Bei der Abreise wurden sie vom
griechischen Minister des Aeußern
und dem Hofmarschall sowie einer
sehr großen Zahl von Zivil= und
Militärpersonen begrüßt. Königin
Sophie entbot ihnen vom Hafen Piräus
aus ihren letzten Gruß, nachdem die Vertreter
de Aussicht auf das Portefeuille des Mi=
nisters des Aeußern geködert habe. Der Haupt=
clou der Miljukowschen Rede war die Ver=
lesung einer Stelle aus einem Berliner Blatt,
welches die Zarin samt ihrer Umgebung
als deutsch= und friedensfreundlich
bezeichnete. Dieser Knalleffekt löste unbe=
schreibliche Entrüstung auch auf der Linken
aus. Der Gewährsmann rechnet mit einem
Wiederhervortreten des Großfürsten Ni=
kolaus Nikolajewitsch.
Köln, 25. November. (Privattele=
gramm.) Die "Kölnische Ztg." meldet aus
Kopenhagen: Die politische Erschütterung, die
Rußland durchschauert, wird jetzt durch den
Rücktritt Stürmers bestätigt. Bestimmte Ge=
rüchte, die teils auf Andeutungen und Be=
merkungen in der russischen Presse, teils auf
Mitteilungen aus Rußland eingetroffener
Reisender zurückzuführen sind, betonen immer
wieder mit größter Hartnäckigkeit, daß
Stürmer ein Gegner der weiteren
Fortführung des Krieges sei.
Hierüber beunruhigt, habe der englische Bot=
schafter Sir George Buchanan zwar von
Stürmer vor einigen Tagen eine amtliche Er=
klärung erzwungen, die alle Friedens=
neigungen der russischen Regierung in Abrede
stellte. Diese Erklärung habe aber die liberalen
Kreise Rußlands, die für die Fortsetzung des
Krieges bis zur Erschöpfung eintraten, nicht
zu beruhigen vermocht. Viele Anzeichen deuten
daher auch mit großer Bestimmtheit darauf
hin, daß die Friedensfrage in den Ver-
handlungen der ersten Tage in der Reichsduma
eine große Rolle spielte. In diesem Sinne
muß auch das kriegerische Auftreten des
Kriegs= und Marineministers in der Volks=
vertretung und ihr auffallend intimer Verkehr
mit Miljukow und andern liberalen Führern