gelbe Elend, das ich nur im granatenzerwühlten
Boden zwischen Lille und Loretto in ähnlicher
Trostlosigkeit wiedergefunden habe, man be=
gann es liebzugewinnen. Es steckte doch was
dahinter; der Herr Versicherungsdirektor
wußte es uns zu versichern!
Dann versank er wieder lange Zeit in
hoffnungslose Sehnsüchte, und die Kupfer=
industrie verdiente nichts an ihm. Ganz im Ge=
heimen soll er weitergezeichnet haben; abends,
in den jammervoll sparsamen Stunden, die ihm
sein auffressender Beruf übrigließ. Aber
niemand sah davon etwas. Er schämte sich so!
Und jetzt kam der Krieg über uns herein.
Herr v. Scherer, Oberleutnant der letzten Land=
sturmjahrgänge, mußte nach Graz!
Denn das war seine Heimat. Seine
Heimat, die er jetzt, nach dreißig Jahren,
wiedersah, die nievergessene, aber gemiedene.
Denn er hatte sie damals als ganz junger
Doktor Juris infolge einer nur ihm allein
möglichen Kombination von Liebe und
Studentenschulden fluchtartig verlassen. Die
Schulden zahlte er von Wien aus reinlich und
säuberlich ab; die alte Angst vor den Grazer
Frauen blieb. Nein, er wollte von der ge=
fährlichen Stadt nichts wissen! Jetzt mußte
er zurück und kam nach einigen dienstlichen
Wechselfällen zur Zensur, der damals auch ich
angehörte. In den wenigen Stunden, die uns
der Dienst freiließ, gingen wir bei den
Trödlern dieser wundervollen Antiquitäten=
stadt "drahn", krochen in alle alten Höfe und
studierten die eigentümliche Architektur der
Kapitale des einstigen Inneröstreich. Damals,
in den Zeiten der Spätrenaissance, erhielt
Graz als Reichshauptstadt sein unsagbar reiz=
volles Straßenbild. Altdeutsche Bürgershäuser,
hochgieblig und steif, stritten gegen heitere
italisch freie Loggienhöfe. Ach, es gibt Winkel
dort, wie sonst kaum in Bozen oder Prag!
Venezianischer Palaststil in den zwei Höfen des
Krebsenkellers, florentinische Vollkommenheit
und Rundung im Landhause und dann eine
so seltsame Mischung von engem Bürgershaus
mit heiteren Loggiengängen wie im herrlichen
Hause des Astronomen Kepler! Diese Lauben=
gänge, welche große, heitere Höfe umschließen,
sind überhaupt typisch für Graz und wieder=
holen sich zehnmal. Dann gibt es wieder ernste,
trotzige Rustikabauten aus der Wallensteinzeit,
wie das Saurausche Palais, lang, düster, voll
Mordgeschichten und Türkensagen! Oder das
Zeughaus, ein Unikum auf Erden. Man
könnte heute noch eine Armee daraus be=
waffnen mit der kompletten Armierung des
siebzehnten Jahrhunderts aus den Tagen, da
Prinz Eugen als Volontär in unsre Armee
trat. Und von da geht's noch zwei Jahr=
hunderte zurück. All diese alten Geschichten
konnte ich ihm wieder zeigen und in Er=
innerung rufen. Und wenn der Herbst gar zu
schön war und der alte Oberst uns einen Nach=
mittag freigab, dann stiegen wir in die hellen
Hügelweiten hinauf, wo man in vielstunden=
langem Wandern nach allen Seiten hundert
Kilometer und weiter umhersieht. Freund
Scherer blieb mehr stehen, als er ging. Er war
so benommen und berauscht von dieser Farben=
seligkeit, diesem Ueberfluß der Obstbäume, der
Weingärten und Felder, diesen zartblauen
Schleiern der Luftperspektive, diesen Wald=
kulissen hinter Waldkulissen bis zum fernen
Schneesaum, der alten Festung inmitten der
Stadt, wo Hochwald und Ruinen ihr un=
gestörtes Wesen haben, und von der Lebens=
freude und Kriegsbegeisterung des südlich
lebhaften Volkes, daß er mit seiner ungeheuer=
lich tiefen Stimme (sie kann nicht viel mehr
als sechs Schwingungen haben, und bei
Straßenlärm hört sie kein Mensch!), daß er
mit dieser Brummfliegenstimme nur immerzu
sagte: "Nein, diese Abundanz! Diese un=
geheure Abundanz!"
Dies volle, strotzende, leichte Leben, das
es damals in Graz gab zu einer Zeit, wo alles
noch den Krieg sehr schön fand, riß ihm selber
ins dicke, versagende Blut ein. Er begann, er=
griffen und angesteckt von so viel Reichtum,
mit bebender Hand zu arbeiten. Erst Zeich=
nungen, Radierungen später. Der Nachtdienst,
der mich beinahe zerbrach und nahe an Selbst=
mord trieb, ihm war er Wonne. Denn erstens
konnte er eine ganze, pflichtmäßig schlaflose
Nacht über seinem Künstlerwerden und der
neuen frohen Flut grübeln, die durch seine
träge gescholtenen Adern brauste, und dann
gab es ja einen dienstfreien Vormittag nach
so böser Nacht! Mehrmals in der Woche sogar,
als wir noch ganz wenige waren!
Wir schliefen uns alle hundemüd und
ehrlich aus. Er nicht. Freie Vormittage! Herr
Direktor! Seit wann gab es das doch?! Das
war unerhörtes Glück!
Und er arbeitete und arbeitete.
Boden zwischen Lille und Loretto in ähnlicher
Trostlosigkeit wiedergefunden habe, man be=
gann es liebzugewinnen. Es steckte doch was
dahinter; der Herr Versicherungsdirektor
wußte es uns zu versichern!
Dann versank er wieder lange Zeit in
hoffnungslose Sehnsüchte, und die Kupfer=
industrie verdiente nichts an ihm. Ganz im Ge=
heimen soll er weitergezeichnet haben; abends,
in den jammervoll sparsamen Stunden, die ihm
sein auffressender Beruf übrigließ. Aber
niemand sah davon etwas. Er schämte sich so!
Und jetzt kam der Krieg über uns herein.
Herr v. Scherer, Oberleutnant der letzten Land=
sturmjahrgänge, mußte nach Graz!
Denn das war seine Heimat. Seine
Heimat, die er jetzt, nach dreißig Jahren,
wiedersah, die nievergessene, aber gemiedene.
Denn er hatte sie damals als ganz junger
Doktor Juris infolge einer nur ihm allein
möglichen Kombination von Liebe und
Studentenschulden fluchtartig verlassen. Die
Schulden zahlte er von Wien aus reinlich und
säuberlich ab; die alte Angst vor den Grazer
Frauen blieb. Nein, er wollte von der ge=
fährlichen Stadt nichts wissen! Jetzt mußte
er zurück und kam nach einigen dienstlichen
Wechselfällen zur Zensur, der damals auch ich
angehörte. In den wenigen Stunden, die uns
der Dienst freiließ, gingen wir bei den
Trödlern dieser wundervollen Antiquitäten=
stadt "drahn", krochen in alle alten Höfe und
studierten die eigentümliche Architektur der
Kapitale des einstigen Inneröstreich. Damals,
in den Zeiten der Spätrenaissance, erhielt
Graz als Reichshauptstadt sein unsagbar reiz=
volles Straßenbild. Altdeutsche Bürgershäuser,
hochgieblig und steif, stritten gegen heitere
italisch freie Loggienhöfe. Ach, es gibt Winkel
dort, wie sonst kaum in Bozen oder Prag!
Venezianischer Palaststil in den zwei Höfen des
Krebsenkellers, florentinische Vollkommenheit
und Rundung im Landhause und dann eine
so seltsame Mischung von engem Bürgershaus
mit heiteren Loggiengängen wie im herrlichen
Hause des Astronomen Kepler! Diese Lauben=
gänge, welche große, heitere Höfe umschließen,
sind überhaupt typisch für Graz und wieder=
holen sich zehnmal. Dann gibt es wieder ernste,
trotzige Rustikabauten aus der Wallensteinzeit,
wie das Saurausche Palais, lang, düster, voll
Mordgeschichten und Türkensagen! Oder das
Zeughaus, ein Unikum auf Erden. Man
könnte heute noch eine Armee daraus be=
waffnen mit der kompletten Armierung des
siebzehnten Jahrhunderts aus den Tagen, da
Prinz Eugen als Volontär in unsre Armee
trat. Und von da geht's noch zwei Jahr=
hunderte zurück. All diese alten Geschichten
konnte ich ihm wieder zeigen und in Er=
innerung rufen. Und wenn der Herbst gar zu
schön war und der alte Oberst uns einen Nach=
mittag freigab, dann stiegen wir in die hellen
Hügelweiten hinauf, wo man in vielstunden=
langem Wandern nach allen Seiten hundert
Kilometer und weiter umhersieht. Freund
Scherer blieb mehr stehen, als er ging. Er war
so benommen und berauscht von dieser Farben=
seligkeit, diesem Ueberfluß der Obstbäume, der
Weingärten und Felder, diesen zartblauen
Schleiern der Luftperspektive, diesen Wald=
kulissen hinter Waldkulissen bis zum fernen
Schneesaum, der alten Festung inmitten der
Stadt, wo Hochwald und Ruinen ihr un=
gestörtes Wesen haben, und von der Lebens=
freude und Kriegsbegeisterung des südlich
lebhaften Volkes, daß er mit seiner ungeheuer=
lich tiefen Stimme (sie kann nicht viel mehr
als sechs Schwingungen haben, und bei
Straßenlärm hört sie kein Mensch!), daß er
mit dieser Brummfliegenstimme nur immerzu
sagte: "Nein, diese Abundanz! Diese un=
geheure Abundanz!"
Dies volle, strotzende, leichte Leben, das
es damals in Graz gab zu einer Zeit, wo alles
noch den Krieg sehr schön fand, riß ihm selber
ins dicke, versagende Blut ein. Er begann, er=
griffen und angesteckt von so viel Reichtum,
mit bebender Hand zu arbeiten. Erst Zeich=
nungen, Radierungen später. Der Nachtdienst,
der mich beinahe zerbrach und nahe an Selbst=
mord trieb, ihm war er Wonne. Denn erstens
konnte er eine ganze, pflichtmäßig schlaflose
Nacht über seinem Künstlerwerden und der
neuen frohen Flut grübeln, die durch seine
träge gescholtenen Adern brauste, und dann
gab es ja einen dienstfreien Vormittag nach
so böser Nacht! Mehrmals in der Woche sogar,
als wir noch ganz wenige waren!
Wir schliefen uns alle hundemüd und
ehrlich aus. Er nicht. Freie Vormittage! Herr
Direktor! Seit wann gab es das doch?! Das
war unerhörtes Glück!
Und er arbeitete und arbeitete.