München 30. Mai 1918.
Hochgeehrtes Fräulein!
Von Ihrem schönen Briefe, den Sie mir vor Wochen
einbescheren wollten, konnten sich, wie es scheint, die Kriegs-
zensoren nicht trennen, und ich erhielt ihn erst dieser Tage
über Salzburg. Meiner Antwort werden, da sie zwischen
den Grenzpfählen bleibt, wohl keine Schwierigkeiten in den
Weg gelegt werden. Der tiefe und feine Geist, der in
allem lebt, was Sie schreiben, hat seine Blumengedanken
vor dem Verwelken bewahrt, und mir ist, als empfinge
ich sie unmittelbar aus Ihrer Hand. Die Lorbeerblätter
dazwischen gebe ich an Brahms weiter, dem sie gebühren.
Ich verkehre oft mit ihm, im Wachträumen und im
Traumwachen. Aus diesen Beziehungen theosophische und
mystische Schlüsse zu ziehen, verbietet mir meine vom End-
lichen begrenzte Vernunft. Mein kritischer, durch die
Schule der Philosophen gegangener Geist behütet mich
davor, die Sprünge meiner dichterischen Phantasie für Flugschritte
Hochgeehrtes Fräulein!
Von Ihrem schönen Briefe, den Sie mir vor Wochen
einbescheren wollten, konnten sich, wie es scheint, die Kriegs-
zensoren nicht trennen, und ich erhielt ihn erst dieser Tage
über Salzburg. Meiner Antwort werden, da sie zwischen
den Grenzpfählen bleibt, wohl keine Schwierigkeiten in den
Weg gelegt werden. Der tiefe und feine Geist, der in
allem lebt, was Sie schreiben, hat seine Blumengedanken
vor dem Verwelken bewahrt, und mir ist, als empfinge
ich sie unmittelbar aus Ihrer Hand. Die Lorbeerblätter
dazwischen gebe ich an Brahms weiter, dem sie gebühren.
Ich verkehre oft mit ihm, im Wachträumen und im
Traumwachen. Aus diesen Beziehungen theosophische und
mystische Schlüsse zu ziehen, verbietet mir meine vom End-
lichen begrenzte Vernunft. Mein kritischer, durch die
Schule der Philosophen gegangener Geist behütet mich
davor, die Sprünge meiner dichterischen Phantasie für Flugschritte