Kalbeck, Max: Brief an Unbekannt. München, 30.5.1918
auf dem Wege zur Wahrheit zu nehmen, denen ich oder
Andere irgend welche bindende Folgen abgewinnen könnten. Aus
diesem Grunde rede ich nicht in Ihre Händel mit Herrn Rode
hinein, über deren Gegenstand ich mir ohnehin keinen klaren
Begriff machen kann. Die von Ihnen angezogenen Christen,
Juden und Nichtjuden kenne ich kaum dem Namen nach.
Auch den Dichter Lienhard hörte ich von Ihnen zum ersten Male
nennen. Sie schätzen ihn besonders hoch und das macht ihn auch
mir wert. Was soll ich von ihm lesen? Meine Zeit ist
kurz und kostbar; ehe ich mich zur Lektüre eines neuen
Autors entschließe, muß er mir von ganz besonderen Eides-
helfern eingeschworen werden. Ich habe so lange und so viel
für Andere zu tun gehabt, daß ich endlich einmal auch zu
mir selbst kommen möchte. Vielleicht ist es schon zu spät;
die Nacht, da niemand wirken mag, rückt an mit ihrem
kalten, dunkeln Schatten, und es wäre dem Tage wohl noch
ein warmer Sonnenuntergang abzugewinnen. Aber auch
hier stehe ich wahrlich ohne Hochmut, über allen Illusionen.
Meine Frau erwiedert Ihre willkommenen Grüße, und
ich bleibe
Ihr herzlich ergebener dankbarer Leser
Max Kalbeck.