Kienzl, Hermann: Brief an Wilhelm Kienzl. Wilmersdorf bei Berlin, 30.10.1925
sich während des Absingens der Kaiser=Hymne nicht
von seinem Sitz erhoben hatte?! Republik
Österreich!! Und es wird sich schon ein antire=
publikanischer Richter finden, der dem Rowdy
mit einer kleinen Geldstrafe nicht weh tut!
Der von Dir einmal angekündigte
Besuch war noch nicht bei mir. Den Sahla,
der seit 10. Okt. wieder hier ist, habe ich
auch erst telephonisch gesprochen - also
gar nicht, weil man ihn am Telephon nicht
versteht.
Das Ninerl entwickelt sich mit Sieben=
meilenschritten. Es ist über seine 34 Lebens=
monate hinaus gescheidt und nervös ... Bertha
beharrt im Gluckhennenzustand. Floh spielt
noch im Goethe=Theater, das, wie übrigens
die meisten Bühnen, aus einer Krise in die
andere gerät und von der Kritik schlecht
behandelt wird (nicht er, - es!) Ich
dränge jetzt energisch, daß er für's nächste
Jahr ein Engagement in der besseren Provinz
sucht. - Von meinem Tag gehören 12 Stunden und
auch mehr der Schreibtischarbeit, und 10 Arbeits=
tage im Monat nimmt mir die Zeitschrift - für
Gotteslohn. (Bleibe bis an's baldige Ende das alte
Rindvieh!) - Lebewohl, lieber Gulian! Grüß mir
Henny! Dein getreuer Hermann.