Kienzl, Hermann: Brief an Wilhelm Kienzl. Wilmersdorf bei Berlin, 17.10.1926
Berlin=Wilmersdorf, Berlinerstr 10.
17. Okt. 1926.
Mein lieber Gulian! Daß ich Dir auf Deinen lieben
Brief von Mitte September bisher nicht antwortete, leg
mir nicht zur Last! Es war gewiß nicht Teilnahms=
losigkeit an der erschreckenden Erkrankung Engerths
und den schweren Sorgen der armen, guten Hansi, an
der Mitleidenschaft von Euch allen; aber eigenes
körperliches Leiden, beängstigend in diesen Wochen
gesteigert und außerdem kompliziert durch bösartige,
mich dauernd erregende Affairen mit nichtswür=
digen Buschkleppern, die mir mein öffentliches Wirken
vergiften, schließlich Arbeits= und Sorgenlast, für
einen kranken Menschen besonders zermürbend, ließen
den hundertmal drängenden Vorsatz nie bis zum
Schriftsatz reifen. Ich nehme nun an, daß Ihr nach
Wien zurückgekehrt seid und daß Gefahr und
Krankensorge um Deinen lieben, von mir besonders
verehrten Schwager endlich überwunden sind. Sehr
dankbar wäre ich Dir für eine kurze Mitteilung
darüber, - sowie für eine herzliche Übermittlung
meiner trotz gegenteiligen Anscheins innigen Mit=
sorge an Hansi. Mit mir steht's nicht gut und
wird es wohl nicht mehr gut. Zweimal hat Dr. Süß=
mann meine Ferse geschnitten. Die Wunde, die