Kienzl, Hermann: Brief an Wilhelm Kienzl. Wilmersdorf bei Berlin, 17.10.1926
nicht heilen wollte und noch heute, nach 2 Monaten,
schmerzt, tobte besonders des Nachts beim Liegen,
die Schlafmittel versagten, bis schließlich - aber nur
ausnahmsweise - Morphium gegeben wurde. Zu gehen
war unmöglich, da ich keinen Stiefel anziehen konnte
und in einer weichen Lederhülle ohne Absatz die
Deformation des Fußes jeden Schritt hinderte. Erst
seit ich (zuerst vor 8 Tagen) den neugebauten, hinten aus=
schnittenen orthopädischen Schuh tragen kann, ist
ein Bewegungszustand wieder hergestellt, wie er
ungefähr in Aussee gewesen. Auf Betreiben der
Familie wurde der chirurgische Chefarzt des
Augusta=Krankenhauses, Prof. Herzmann, zum Kon=
silium herangezogen; dieser lehnte die für einen
Zuckerkranken gefährliche größere Operation ab
und ordnete neuerliche Insulin=Injektionen an,
im Gegensatz zu den Diagnosen der Gasteiner Ärzte
und des Zeileis. Da keine Besserung eintrat, bestand
nun Dr. Süßmann auf der Konsultation des Prof.
Kraus. Vor sechs Tagen war ich mit Süßmann bei
Kraus. Er war entzückend herzlich, hat aber meine
Frage, ob völlige Wiederherstellung überhaupt
noch möglich sei, mit Schweigen beantwortet.
Die Schmerzen zu lindern und womöglich zeitweilig
zu beseitigen, sei, sagte er später, der Zweck aller
Versuche. Kraus sprach von einer ultima ratio,