Kienzl, Hermann: Brief an Wilhelm Kienzl. Wilmersdorf bei Berlin, 27.1.1925
Berlin=Wilmsdf Berlinerstr 10
27. Januar 1925.
Lieber Gulian!
Noch bin ich ohne Antwort von Dir und weiß nicht,
wann Du nach Chemnitz und secundum ordinem nach
Berlin fährst. Gerade darum schreib ich Dir heute wieder.
Muß feststellen, ob ich Euch bei einem etwaigen
Wiener Besuch vom 5. bis spätestens 8. Februar in
Wien antreffe? Noch ist's nicht ganz gewiß,
aber wahrscheinlich, daß ich am 4. abends hier
abreise. Wäret Ihr aber zu dieser Zeit nicht in
Wien oder meine Einquartierung in der Schreigasse
aus irgendeinem Grund mißlich, so melde ich
mich bei den Schwägerinnen in der Böcklinstraße
an. Deshalb bitte ich Dich, mir auf einer Postkarte
umgehend Bescheid zu geben.
Es würde mir eine große Freude sein, Dich
und Henny so bald zu sehen. Das wäre das einzige
Erbauliche meiner Reise=Unternehmung - und auch
das beschränkte sich gewiß nur auf gestohlene
Intervalle zwischen Zweck= und Hetzaufgaben. Der
Österreichisch=Deutsche Volksbund bedrängt mich, daß
ich seine Vertretung bei der am 6. Februar erfolgenden
Gründung einer korrespondierenden Wiener Orga=
nisation übernehme - und außerdem tausenderlei
andere politische Geschäfte, die meine Zeit wurzweg
auffressen werden. Die Wiener Gründung soll dies=
mal plansicher und ganz anders, als im Jahr 1920
vorbereitet sein. Eben deshalb, damit sie nicht