Kienzl, Hermann: Brief an Wilhelm Kienzl. Wilmersdorf bei Berlin, 27.1.1925
wie damals von unberufenen Elementen im Keim zer=
stört werde, wird sie im gegenwärtigen Stadium
streng geheim behandelt; weshalb ich Dich und
Henny bitte, zu niemandem, auch nicht im Hause,
von der Sache zu sprechen und von dem Zweck
meines Besuches nur zu sagen, daß ich geschäftlich
in Wien zu tun habe. - Am 6. Februar wird in
der Wiener Universität eine Versammlung von
300 Vertrauensmännern sein, neben sorgsam
gesiebten Vertretern der drei österreichischen
Parteien kommen führende Persönlichkeiten der
Industrie, der Wissenschaft und großer wir[t]=
schaftlicher Organisationen, auch drei dem
Räuber Castiglioni entgegen wirkende Bank=
herren. In dieser sehr prominenten Gesellschaft
muß ich sprechen und - da die hiesige österreichische
Gesandtschaft auf Tod u. Leben gegen mich intri=
guiert, wohl auch „Rede stehen”. Mir ist's
ein übles Vergnügen! Vielleicht erwirke ich
doch noch, daß Dr. Mischler an meiner Stelle nach
Wien fährt; doch habe ich darauf nicht viel
Aussicht. - Die Reise reißt mich aus meinen Arbeiten
und, wenn auch der Volksbund die Fahrkarte
bezahlt, ein solches Loch in den Beutel, daß ich
dann schwerlich nach Chemnitz kommen kann. Na,
über alles tröstet mich die Freude, Euch zu sehen!
Also: gieb Antwort - und sei unterdessen
auf's Herzlichste gegrüßt!
Dein
Hermann.